WERKUMRISS


 

Gerhard Branstner

in den im Sommer 2015 im Netz noch verfügbaren und gemeinfreien Schriften und Veröffentlichungen von ihm oder über ihn. Einige davon haben wir der Übersichtlichkeit und besseren Verfügbarkeit halber in das PDF-Format übertragen. Alle Quellen waren aktiv wenigstens bis Ende September 2015.


Inhaltsverzeichnis

1. Autorenvorstellung durch den Kai Homilius Verlag (Qelle: http://www.kai-homilius-verlag.de/autoren/autor_new.php?autor=113)

2. Kurzbiografie durch den Trafo Verlag Berlin (Quelle: http://www.trafoberlin.de/Autoren/branstner_gerhard.html)

3. Zehnbändige Werkauswahl im Trafo Verlag (Quelle: http://www.trafoberlin.de/Werkauswahl_Branstner.htm)

4. Aktuelle Theaterstücke von G. Branstner/Werkverzeichnis

5. Zum Sinn der Werkauswahl - Kommentar von Gerhard Branstner (Quelle: http://www.trafoberlin.de/Werkauswahl_Branstner.htm)

6. Rezension zu den Bommelanten (Quelle: http://www.trafoberlin.de/Rezensionen/441-9-r.htm)

7. Besprechung durch Ralf Steinberg: www.lapismond.de vom 22.12.2004

8. Internetzeitschrift „Die Hornisse“; Philosophische Streitschrift: Die führende Theorie des wirklichen Sozialismus. Ausgabe Nr. 04; September 2005 (Quelle: Privatkopie vom   24.08.2008 von der damaligen Adresse: http://zeitschrift-hornisse.de/Ausgabe-4.html)

9. Schiedsverfahren vom 24. Juni 2000 (Quelle: http://archiv2007.sozialisten.de/partei/strukturen/bundesschiedskommission/beschluesse/view_html?&n=24&bs=21&zid=1599)

10. Verfahren abgeschlossen, aber nicht zu Ende - Kommentar zum Ausschlussverfahren des PDS-Parteivorstandes gegen Gerhard Branstner (Quelle: http://marxismus-online.eu/debatte/pds/branstner2.html); Autor: Peter Feist, © Philosophischer Salon - Der Verlag - (veraltete Quelle: Kalaschnikow - Das Politmagazin, Ausgabe 16, Heft 3/00, S. 45f.)

11. Widersprüche aushalten - Parteiausschluss gegen Gerhard Branstner als stalinistischer Rückfall der PDS (Quelle: http://marxismus-online.eu/debatte/pds/branstner1.html); Autor: Peter Feist, Berlin (erschienen auch in  der "jungen Welt" vom 2.Mai 2000)

12. Replikat seiner Netzseite 2015 (auch zu finden unter: www.archiv-swv.de/Beiwerke/Replikate Netzseiten bzw. unter Personen/Gerhard Branstner. - Quelle: http://www.gerhard-branstner.de/)

13. Eintrag auf „Friedpark“ - Dorotheenstädtisch-Friedrichwerderscher Friedhof I (Quelle: http://www.berlin.friedparks.de/such/gedenkstaette.php?gdst_id=3229)

Und als PDFs:

14. Armin Stolper: Auskünfte über ein gelobtes Land.
„Gerhard Branstner meinte, [die DDR] sei so etwas wie das markanteste Ausrufungszeichen in der deutschen Geschichte gewesen.“ - Mitteilungen der kommunistischen Plattform, 2009.

15. Sono: Magazin für Phantastik, Nr. 6.
Darin: Gerhard Branstner: „Mit der Bommel durchs All.“

16. Joachim Rohloff: PDS-Ausschluss von Gerhard Branstner.
Gerhard Branstner hat der Geschichte das Biberfell über die Ohren gezogen. Jetzt hat sich die Geschichte revanchiert. - Jungle World Nr. 20, 10. Mai 2000.

17. Gerhard Branstner: Mutter kommt zu spät oder: Das Verhängnis der Müllerstochter.
Covertext der LP-Litera-Produktion. - http://www.ddr-hoerspiele.net/lp/mutter-kommt-zu-spaet.html.

18. Gerhard Branstner: Was ist links?
Quelle: www.roter-salon.info; Erstveröffentlichung: Kalaschnikow - Das Politmagazin, Ausgabe 10, Heft 1/1998.

19. Gerhard Branstner: Das Prinzip Gleichheit.
Quelle: http://www.linke-buecher.de; Heft 8 des Marxistischen Forums.

20. Gerhard Branstner: Der Sozialismus wird heiter sein.
Vortrag auf der Bundeskonferenz der linken Opposition in und bei der PDS am 24.11.2002.

 

21. Gerhard Branstner: Klartext oder: Mit Sandsäcken gegen den Kapitalismus.

Quelle: http://www.linke-buecher.de/texte/kommunismus/Gerhard-Branstner-Klartext.htm; verfasst am 06.01.2003.

22. Gerhard Branstner: Paradoxien der Weltgeschichte.
Quelle: Philosophischer Salon e.V., Berlin, Erstveröffentlichung: Kalaschnikow - Das Politmagazin, Ausgabe 11, Heft 2/1998.

23. Dr. Peter Reichel: 1. Gerhard Branstner im Interview; 2. Der Autor als Spielmeister - Zum Schaffen Gerhard Branstners.
Beide Artikel abgedruckt in: Weimarer Beiträge, 1987, Nr. 5, 33. Jahrgang.

24. Gerhard Branstner: Klartext, Herr Genosse Gysi.
Quelle: Philosophischer Salon e.V., Berlin, Erstveröffentlichung in ‚junge Welt‘, 2000.


1. Autorenvorstellung des Kai Homilius Verlags; (Qelle: http://www.kai-homilius-verlag.de/autoren/autor_new.php?autor=113)

Dr. Gerhard Branstner: geboren am 25.05.1928, gestorben am 18.08.2008. - Vita:
B. ist Schöpfer eines verblüffend neuartigen Geschichtsbildes und geht damit nicht nur weit über Marx hinaus, sondern findet eine grundlegend höhere Weltsicht, eine Gegenwelt der Beletage. Von dieser Höhe aus gewinnt er Maßstäbe, die alle bisher geltenden Urteile (in Ökonomie, Politik, Moral und Kunst) über den Haufen werfen und ganz andere, unerwartete Urteile an ihre Stelle setzen. B. ist originärer Religionsstifter, indem er die Philosophie der unbotmäßigen Heiterkeit zur Religion der Atheisten ausbildet, einer unfrommen aber heilsamen Religion. Und er gibt historische Beispiele von Vorläufern dieser Religion. B. bietet mit „Liebengrün“ das Kompendium eines enormen Weltwissens und gibt uns damit eine Bibel der Weltweisheit in die Hand. Bs. Autobiografie ist folglich ein Lehrbuch der Lebenskunst, die in Art und Universalität den konventionellen Rahmen sprengt. B. beherrscht 18 Berufe, im speziellen über 30 Genres der Belletristik und über 10 Genres der Dramatik. Er hat 8 Wissenschaften begründet, womit der Mensch endlich in seiner inneren Beziehung von der Natur bis zur Kunst erfasst wird. Leonardo da Vinci, das Universalgenie, verzwergt dagegen zu einem Torso. B. hat von kindauf kraft seines Charakters und seiner Geistesart seine Umwelt zu Reaktionen provoziert, die uns sein Leben wie ein Märchen erscheinen lassen. Wie das gute und wie das böse Märchen. Wodurch uns aber unser eigenes Leben erst in seiner Wirklichkeit erkennbar wird. All das ist hinter Branstners schlichter Wesensart nicht zu vermuten.
2. Eine Kurzbiografie des Trafo Verlags Berlin (Quelle: http://www.trafoberlin.de/Autoren/branstner_gerhard.html):

Als Branstner 1927 in Blankenhain (Thüringen) geboren wurde, hatte er das Glück, dass seine Eltern bettelarm waren. Und konsequente Antifaschisten. Das verhinderte eine verkehrte Erziehung.
Die Eltern waren strenggläubig. Branstner hat trotz dessen schon als kleines Kind nie an Gott geglaubt. In der Schule hat er nie Heil Hitler gegrüßt und deshalb jeden Morgen Hiebe gekriegt. Sein Unglaube an Gott und an Hitler und überhaupt seine Allergie gegen allen Personenkult hat ihn auch vor dem Stalinismus bewahrt. Doch als Dissident ist Branstner absolut ungeeignet, immer und überall.
Als Pazifist hat er während des Krieges nur in die Luft geschossen, obwohl er der beste Schütze in der Kompanie war.
In Kriegsgefangenschaft ist er gern gegangen, doch als sie ihm zu lang gedauert hat, ist er geflüchtet.
Als Kind noch immer armer Eltern erhielt er nach dem Krieg die Möglichkeit, an der Arbeiter- und Bauernfakultät (ABF), wo Armeleutekinder in der DDR die Hochschulreife nachholen konnten, das Abitur zu erwerben. Auf die Frage, was er einmal werden wolle, antwortete er: Gesellschaftskritiker. Zur Zeit der ersten Parteisäuberungen war das eine riskante Antwort. Nach dem Studium arbeitete er an der Humboldt-Universität als Hochschullehrer und wurde Fachrichtungsleiter. Die Dissertation jedoch, die er nebenbei und in der Hälfte der üblichen Zeit geschrieben hat, wurde nacheinander von 6 Professoren abgelehnt, drei mit Änderungsforderungen. Branstners Antwort: Ich habe Zeit, ich kann warten, bis die sich ändern. Das hat 4 Jahre gedauert. Da war er bereits Cheflektor im Eulenspiegel Verlag. Nach 20 Jahren wurde die Dissertation gedruckt. Nach 40 Jahren wurde sie wieder gedruckt. Immer unverändert.
Vom Verlag aus ist er freiberuflicher Schriftsteller geworden. Damit ging der Ärger weiter, der bis heute ungebrochen anhält. Denn auch seine Lebensdevise ging ungebrochen weiter: die unbotmäßige Heiterkeit. Das ist seine Methode der Gesellschaftskritik, sowohl auf dem Gebiete der Literatur wie dem der Wissenschaft. Allein sein letztes Buch wurde von 8 Verlagen abgelehnt. Bei etwa 40 Büchern (etwa ein Dutzend wissenschaftliche und zwei Dutzend literarische) summiert sich da der Ärger ganz schön auf.
Branstner ist nichts als ein eigenständiger, unabhängiger Denker. Logischerweise auch der streitbarste - und der lustigste. Die unbotmäßige Heiterkeit bedingt nun mal beides.
Branstner hält Genie für erforderlich, aber Charakter hält er für wichtiger. Auch für seltener.


3. Zehnbändige Werkauswahl im Trafo Verlag (Quelle: http://www.trafoberlin.de/Werkauswahl_Branstner.htm):
Werkauswahl Gerhard Branstner in 10 Bänden im Trafo Verlag 2003/2004,   Gesamtausgabe Band 1-10 = ISBN 3-89626-440-0 (Stand: 10.03.2006)

Band 1. Die Bommelanten auf der Reise zum Stern der Beschwingten

(Ein utopisches Volksbuch.)                

ISBN 3-89626-441-9, 14,80 EUR

 

Band 2. Wie Fritz den Teufel erschlug. Kleine Anekdotenbibliothek

(1. Anekdoten in der orientalischen Manier, 2. Anekdoten in der Art der Kalendergeschichte, 3. Philosophische Kurzanekdoten, 4. Utopische Anekdoten.)

ISBN 3-89626-442-7, 16,80 EUR 

 

Band 3. Plebejade. Grobianischer Renaissanceroman

(Grobianischer Renaissanceroman in der Art des Francois Rabelais.)

ISBN 3-89626-443-5, 14,80 EUR

 

Band 4. Die Zweite Menschwerdung. Überlebensphilosophie

(Philosophische Traktate, Essays, Glossen und Briefe.)

ISBN 3-89626-444-3, 25,80 EUR

 

Band 5. Das Schwitzbad

(1. Die entzauberte Kirke (Musical), 2. Der Himmel fällt aus den Wolken (Eine göttliche Posse), 3. Der Talisman (Komödie) 4. Schnaken (Dörfliches Lustspiel), 5. Das Schwitzbad (Eine satirische Groteske).)

ISBN 3-89626-445-1, 19,80 EUR

 

Band 6. Der Esel als Amtmann

(Tierfabeln / Reime und Sänge.)   

ISBN 3-89626-446-X, 13,80 EUR

 

Band 7. Der Sternenkavalier

(Fantastischer Reiseroman.)

ISBN 3-89626-447-8, 11,80 EUR

 

Band 8. Spruchsäckel

(Sprüche, Sprichwörter, Aphorismen.)

ISBN 3-89626-448-6, 7,80 EUR

 

Band 9. Vom Himmel hoch
(Utopische Lügengeschichten.)

ISBN 3-89626-449-4, 11,80 EUR

 

Band 10. Die Weisheit des Humors
(Bibel der Weltweisheit, ein Hausbuch.)

ISBN 3-89626-450-8, 18,80 EUR


4. Theaterstücke/Schriften/Prosa/Traktate/Werkverzeichnis von Gerhard Branstner:

Ist der Aphorismus ein verlorenes Kind? Aufbau Verlag 1959
Zu Besuch auf der Erde. Vermischtes. Mitteldeutscher Verlag 1961
Neulichkeiten. Kalendergeschichten. Eulenspiegel Verlag 1964
Die Reise zum Stern der Beschwingten. Utopisches Volksbuch. Hinstorff 1968
Die Weisheit des Humors. Sprüche und Aphorismen. Hinstorff Verlag 1968
Nepomuks Philosophische Kurzanekdoten. Hinstorff Verlag 1969
Der verhängnisvolle Besuch. Krimi 3. Aufl. Verlag Das Neue Berlin 1969
Der falsche Mann im Mond. Utop. Krimi. Hinstorff Verlag 1970
Ich kam, sah und lachte. Vermischtes. Henschel Verlag 1973
Der astronomische Dieb. Utop. Anekdoten. Verlag Das Neue Berlin 1973
Vom Himmel hoch. Utop. Lügengeschichten. Verlag Das Neue Berlin 1974
Plebejade. Grobianischer Roman. Verlag Der Morgen 1974
Der Narrenspiegel. Vermischtes. Hinstorff Verlag 1974
Der Sternenkavalier. Utop. Reiseroman. Verlag Das Neue Berlin 1976
Der Himmel fällt aus den Wolken. Stücke. Verlag Der Morgen 1977
Kantine. Eine Disputaion in 5 Paradoxa. Hinstorff Verlag 1977
Kunst des Humors. Dissertation. Mitteldeutscher Verlag 1980
Handbuch der Heiterkeit. Auswahl 2. Aufl. Mitteldeutscher Verlag 1980
Der indiskrete Roboter. Utop. Erzählungen. Mitteldeutscher Verlag 1980
Der Esel als Amtmann. Tierfabeln, 4. Aufl. Verlag Der Morgen 1980
Sprucksäckel. Sprüche, Sprichwörter. Aphor. Verlag Der Margen 1982
Das eigentliche Theater. Theatertheorie. Mitteldeutscher Verlag 1984
Die Ochsenwette. Anekdoten in der oriental. Manier. Hinstorff Verlag 1985
Das Verhängnis der Müllerstochter. Reime und Sänge. Mitteldeutscher Verlag 1985
Der negative Erfolg. Phantastische Erzähl. Mitteldeutscher Verlag 1985
Heitere Poetik. Drei Theorien. Mitteldeutscher Verlag 1987
Heitere Dramatik. Stücke. Mitteldeutscher Verlag 1988
Mensch - wohin? PDS 1993
Verbürgerlichung. Traktat. GNN Verlag 1996
Das Prinzip Gleichheit. Traktat. GNN Verlag 1996
Revolution auf Knien. Politische Philosophie. Verlag Edition Ost 1997
Das philosophische Gesetz der Ökologie. Edition eisermann 1997
Rotfeder. Politische Philosophie. Verlag Edition Ost 1998
Der eigentliche Mensch. Traktat. Verlag Kalaschnikow 1998
Witz und Wesen der Lebenskunst. GNN Verlag Schkeuditz 1999
Marxismus der Beletage. Traktat. GNN Verlag Schkeuditz 2000
Die Welt in Kurzfassung. Verlag Homilius 2000
Das System Heiterkeit. Verlag Kalaschnikow 2001
Die neue Weltofferte. Traktat. GNN Verlag Schkeuditz 2002
Gegenwelt. Traktat. Verlag Kalaschnikow 2002
Die Weisheit des Humors. Auswahl i.e.Bd. Selbstverlag 2002

Insgesamt 31 Bücher, 9 Broschüren, über 50 Genres


5. Zum Sinn der Werkauswahl - Kommentar von Gerhard Branstner (Quelle: http://www.trafoberlin.de/Werkauswahl_Branstner.htm):

Die zehn Bände enthalten über 50 Genres. Der bis jetzt als der universelle Dichter geltende Goethe hat nicht die Hälfte der Genres zu bieten. Wichtiger als die Universalität ist jedoch die Heterogenität. Noch nie hat ein Dichter so unterschiedliche Genres in seiner Produktion vereinigt. Was dem Leser ein Genuss ist, war dem Dichter unmöglich. Bis jetzt. Jetzt nicht mehr. Aber noch bedeutender als die Heterogenität ist das Bild, das uns die Werkauswahl von dieser Welt gibt. Es ist das wahrste und das kritischste Bild, weil es an der Gegenwelt gemessen wird. Diese Gegenwelt ist eine vollständige, in sich geschlossene Welt, voller menschlicher Reize. Und zugleich von bezwingender Logik. Eine einmalige Erscheinung in der Weltliteratur.

Der Autor hat in 45 Jahren etwa 40 Bücher geschrieben. Gut zwei Dutzend literarische und gut ein Dutzend wissenschaftliche. Epik, Lyrik, Dramatik und Theorie, wie es sich für einen Klassiker gehört. Aber was für ein Klassiker?

Dazu eine Leserstimme: Ich lese Branstner lieber als Goethe, aber ein Klassiker kann er wohl nicht sein, denn ich muss bei ihm öfter lachen als bei Goethe.

An die 40 Bücher hat Branstner geschrieben, aber in keinem hat er auch nur eine Zeile ändern müssen. Nicht in den ältesten und nicht in den jüngsten Werken. Auch kennt sein Schaffen nicht die unvermeidlichen Entwicklungsphasen. Branstner hat von Anfang bis heute in derselben Methode geschrieben, nach der Methode der ‚Heiteren Verstellung‘. Das ist die Methode der dialektischen Aufhebung des Ernstes in Heiterkeit. Und in Zeiten der Menschheitsgeschichte, die ungehörig sind, ist das die Methode der unbotmäßigen Heiterkeit. Der systemsprengenden Heiterkeit. Dass seine Methode von allgemeiner Gültigkeit ist, bewies Branstner, indem er sie in allen wichtigen Gattungen anwandte.

Nach 20 Jahren Vorbereitung und 20 Jahren Anwendung hielt er Zweck und Ziel seines Schaffens inhaltlich und in der Methode für erfüllt und hörte auf zu schreiben. Das war Ende der achtziger Jahre. Auch das ist einmalig in der Welt der Literatur.

Mit der ‚Wende‘ sah Branstner sich gezwungen, wieder zu schreiben, diesmal politische Philosophie. Auch in diesem Berufe leistete er das absolut Gültige und begründete in Fortsetzung des bisherigen Schaffens acht Wissenschaften. Diese sind:

 

1. Das Naturgesetz des Menschen

(Superdarvinismus: Der Mensch ist gesellschaftliches Wesen nur, um das höchste Wesen der Natur zu werden.)

 

2. Die soziologische Transfermatik

(Die spezifischen Kreativitäten der Arbeitsteilung erhalten in der synthetischen Kreativität ihre höchste Potenz.)

 

3. Gegenwelt

(Philosophie der Geschichte als Überlebensmittel.)

 

4. Das Spiel als historisches Wesen des Menschen

(Die auf das Spiel mit ihr eingerichtete Gesellschaft macht die Arbeit zum Spiel, wodurch sie erstes Lebensbedürfnis wird.)

 

5. Das Prinzip Gleichheit

(Durch die wirkliche Gleichheit des Eigentums an den Produktionsmitteln wird der Mensch zum Gleichen unter Gleichen und damit endlich frei.)

 

6. Das System Heiterkeit

(Die Heiterkeit als Form und Funktion der Freiheit ist das schöne Wesen des Menschen und folgt dem Gesetz der Negation der Negation.)

 

7. Witz und Wesen der Lebenskunst

(Anstand ist, sich in die Lage des anderen zu versetzen oder die Zweite Menschwerdung.)

 

8. Das eigentliche Theater

(Die Theaterwissenschaft wird erst dann zur Wissenschaft, wenn sie die Entwicklungsgesetze und Funktionsgesetze des Theaters aufdeckt. Und dann wird die Kunst zur Vorahmung des Spiels mit der Wirklichkeit, ihrer höchsten Funktion.)

 

Das ist das erste Mal, dass ein Wissenschaftler das menschliche Leben in seinen wesentlichen Dimensionen erfasst, von der Natur bis zur Kunst.

Noch einmaliger, nämlich absolut einmalig aber ist es, dass Branstner der bedeutendste Literat und der bedeutendste Philosoph der Jetztzeit in Personalunion ist. Dichter und Denker dieser Potenz in einer Person hat es noch nie gegeben. Daher hat es auch das Resultat noch nie gegeben. Allein die Liste der von ihm begründeten Wissenschaften zeigt, dass der Dichter in ihm die Wissenschaft auf bisher ungesehene Gegenstände bringt, ihre andere Behandlung bedingt und andere Ergebnisse zeitigt. Wie umgekehrt der Denker die Literatur auf andere Wege bringt.

Wer nun meint, dass das doch wohl etwas übertrieben sei, dem sei im Gegenteil gesagt, dass da noch untertrieben wurde. So wurde nicht gewürdigt, dass Branstner echte Volkslieder schrieb und auch vertonte. Volkslieder aber, meinte der wirklich kluge Herder, könnten nur anonym entstehen, nicht aber von einem Autor geschaffen werden. Immerhin wurden und werden Branstners Volkslieder mit Erfolg gesungen, so zum Beispiel von Marianne Wünscher im großen Haus der Volksbühne, wo eines 56 Sekunden Beifall erhielt. Auch Sprüche entstehen im Volke und können nur gesammelt und nicht geschrieben werden. Branstner schreibt welche, auch wenn er der Einzige ist, der das kann. Nicht gewürdigt wurde auch, dass von Branstner im neuen Theater Halle eine literarisch-musikalische Revue 7 Jahre vor vollem Hause lief. Und sie starb nicht des natürlichen Todes, nämlich an Zuschauerschwund, sondern weil die Schauspieler an andere Theater wechselten. Nicht gewürdigt wurde auch die utopische Anekdote. Die Anekdote reflektiert ja etwas Vergangenes. Auf Zukünftiges wie auf etwas Vergangenes blicken ist wohl eine Kunst, die nur Branstner kann. Und schließlich wurde die Tierfabel nicht gewürdigt, die laut Georg Lukacs ganz unmöglich ist, da die Welt zu kompliziert geworden sei, um sie noch in so kurzen Formen darstellen zu können. Das haben Branstners Tierfabeln widerlegt, die in wenigen Jahren eine Gesamtauflage von über hunderttausend Exemplaren erreichten, ein absoluter Weltrekord. Als Branstner 1950 an der ABF Jena gefragt wurde, welchen Beruf er wählen wolle, sagte er: Gesellschaftskritiker. Das war damals ein riskantes Bekenntnis. Wenn Branstner auch das Riskante nicht liebt, so kann es ihn auch nicht schrecken. Er wusste von Anfang an von den Gefährdungen dieses Berufes und kalkulierte sie von Anfang an ein. Wenn der alte Ludwig Feuerbach sagt: Wer die Fackel der Wahrheit durch die Menge trägt, wird manchen Bart versengen, so wusste Branstner es besser: Wer die Fackel der Wahrheit durch die Menge trägt, läuft Spießruten und kriegt von allen Seiten Haue: Das hat ihn weder irritiert noch die Laune verdorben. Er war und ist der streitbarste und heiterste Dichter und Denker, der feinsinnigste und der gröbste, der tiefsinnigste und der vergnüglichste, der naheste und der fernste.

Doch nun sieht Branstner endgültig Zweck und Ziel seines Schaffens erreich und hält es für angebracht, die wichtigsten Bestandteile in geordneter Form dem Publikum vorzulegen.

6. März 2003

Gerhard Branstner


6. Rezension zu den Bommelanten (Quelle: http://www.trafoberlin.de/Rezensionen/441-9-r.htm):

Gerhard Branstner: „Die Bommelanten auf der Reise zum Stern der Beschwingten“ (Ein utopisches Volksbuch; Bd. 1, Trafo Verlag 2003, ISBN 3-89626-441-9, 14,80 EUR.) - Rezension von Gerd Bedszent, Berlin, Deutschland, 29. Oktober 2004:

Bei Ersterscheinen dieses Buches in den 60er Jahren rief es in DDR-Leserkreisen zunächst einige Verwirrung hervor: Science-Fiction - damals noch „utopische Literatur“ genannt - hatte entweder die Beschreibung wissenschaftlich-technischer Großtaten zum Thema oder aber die Befreiung ferner Planetensysteme aus den Händen finsterer Imperialisten. Und jetzt ein Raumschiff namens „Bommel“, das wie eine Kugel durch die Milchstraße rollt? Und diese skurrile Besatzung, die - weil sie nicht weiß, wie ihr Auftrag überhaupt lautet - nach einem Kinderreim die Planeten abzählt, auf denen sie dann landet? Darf man denn so etwas schreiben?!
Das Buch wurde dann doch von der Lesergemeinde angenommen - ebenso wie die weiteren Ausflüge des Philosophen Branstner in das Gebiet der fantastischen Literatur.
Noch heute lesen sich die Abenteuer der Bommelanten amüsant: Auf dem einen Planeten erfährt man, warum die Menschwerdung von Vögeln bereits in einem frühen Stadium scheiterte, auf dem anderen, wie man unterdrückten Molchen gegen ihre kapitalistischen Ausbeuter beistehen kann. Dann wieder landen Branstners Helden bei den freundlichen, wohlbeleibten Bilbomanen, die aber so schrecklich bequem sind, dass man auf ihrem Planeten das Bier aus schmutzigen Gläsern trinken muss - Ähnlichkeiten mit der DDR-Gesellschaft sind sichtlich beabsichtigt. Branstners Ideal einer künftigen Gesellschaft findet man dagegen auf dem „Stern der Beschwingten“, wo nicht nur die Freiheit von Ausbeutung, sondern auch die Heiterkeit der natürliche Zustand der Menschen geworden ist.
Für Spannung ist in dem Buch auch reichlich gesorgt: Das Rätselraten um den Forschungsauftrag der Bommel entwickelt sich zu einem regelrechten Kriminalfall, der erst am Schluss eine überraschende Lösung erfährt. Und es macht überhaupt nichts, dass die Bommel dadurch den „Stern der Beschwingten“ nie erreicht. Denn Branstners Anliegen ist es, das „Prinzip Heiterkeit“ zuallererst auf der Erde zu verbreiten.


7. Besprechung durch Ralf Steinberg: www.lapismond.de, vom 22.12.2004:

Ein Raumschiff, das Bommel heißt, dessen Besatzung sich die Bommelanten nennt und auf der Milchstraße unterwegs ist, das Exil der Marsmenschen zu finden - ganz klar, dieser Roman hat es in sich. In ganz besonderem Maße aber Heiterkeit.
Pilot Schimansky startet in das Unternehmen mit einem Stullenpaket unter dem einen und den Filzpantoffeln unter dem anderen Arm. Sein Freund Piccolomini fasst die Situation vor dem Start zusammen:
„Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass man sich höhern Orts nicht viel von dieser Expedition verspricht. Dass man uns aber die alte Bommel gibt, ist gerade zu bedenklich.“ /1/
Wenn nicht die Hoffnung der Welt in der Expedition liegt, kann man die Sache auch ruhig angehen. Mit von der Party sind weiterhin Expeditionsleiter Professor Hedderich, natürlich verschusselt, Bierbauchträger Weynreich und der schweigsam haarlose Rinstone, um den sich bald das Geheimnis der Reise entwickelt, war er doch schon einmal am Zielort, der Corinna.
Zunächst aber führt sie ihre Suche nach den verschwundenen Marsmenschen in einen Kampf mit Robotern, in die Arme von Menschenfressern, in den Fokus von Vogelmenschen, in das Reich trübsinniger Wasserbewohner und zu den bequemen Schwätzern von Bilbomane, wie Corinna dort heißt.
Marsmenschen gab es jedoch keine.
Dennoch strotzt eine jede Begegnung vor Ironie, oder besser beschwingter Heiterkeit, wie das Geheimrezept des Lebens am Ende des Buches definiert wird.
Dabei gibt sich dieser 1968 erschienene Roman erfreulich unpropagandistisch. Was im Verlagswesen der DDR nicht ganz einfach war, wurde doch der Sieg des Kommunismus für eine Zukunft vorausgesetzt, genauso wie eine führende Rolle der Sowjetunion und ihrer Menschen. "Die Reise zum Stern der Beschwingten" entwirft nur im Hintergrund eine Gesellschaft, recht substanzlos und eher in den ironischen Spiegelungen, wie etwa der bereits zitierten Äußerung von Piccolominis. Gerade mal beim einzigen, in einer Klassengesellschaft lebenden Volk, den Wassermenschen von Aquavox, kann man Gesellschaftskritik wahrnehmen, aber auch eine Vision von DDR-Neubaugebieten lesen:
"Siebenscharffs Erklärung machte den Bommelanten die Stadt keineswegs anheimelnder. Sie wurden im Gegenteil von deren Rechtwinkligkeit und unmenschlicher Ödnis bis zur Übelkeit gereizt. Vor allem war es die unnatürliche Kahlheit, die sie bedrückte und zugleich ihren Widerwillen erregte." /2/
Der Unmut der Bevölkerung äußert sich in einer illegalen politischen Versammlung, die die Bommelanten belauschen. Ein Agitator lässt die Konspiration mit einer grandiosen Rede platzen:
"Meine Herren Klassenkämpfer! Wir wollen die Kapitalisten stürzen. Worauf warten wir noch? Der Feind ist bekannt, schlagt ihn, wo ihr ihn trefft! Gebt ihm Ohrfeigen von gewaltiger Klebkraft. Benutzt dazu KULLERMANNS ALLESKLEBER, und der Sieg wird unser sein. Die Weltrevolution ist eröffnet!" /3/
Zwar zieht hier ein kapitalistischer Staatsdiener die revolutionären Bemühungen ins Lächerliche und bleibt somit handlungsformal für den DDR-Leser der Bösewicht. Aber ohne Zweifel wird er sich noch recht oft an den Alleskleber erinnert haben, wenn er ähnliche Phrasen in den DDR-Medien vernahm.
In einen Interview /4/ klärte Branstner dann auch über die "Kapitalisten" auf. Im Originalmanuskript hießen sie nämlich noch Kapitalonen. In der beim Trafo Verlag Berlin erschienen Werkausgabe korrigierte er dies, wie er betonte die einzige Änderung. Nun heißen die Kapitalisten wieder Kapitalonen. Eine kleine Abweichung von den ersten 9 Auflagen gibt es aber dennoch: Der Titel ist neu und das erklärte er so:
Ein Bekannter sah ihn bummeln gehen und rief quer über die Friedrichstraße:
"Gerhard, wann gehen die Bommelanten wieder auf die Reise?"
Und da wusste er, das der alte Titel, der ihm immer schon zu lang war, nun Die Bommelanten lauten musste.
Selbst also in diesem eher pädagogischen Kapitel verschließt sich Branstner einer offiziellen Richtung und geht allein seiner Nase lang.
Eine Einordnung des Werkes in die DDR-Science-Fiction findet sich in Angela und Karlheinz Steinmüllers "Vorgriff auf das Lichte Morgen":
"Der sich abzeichnende Bruch zum Raumfahrtroman wird noch deutlicher mit Gerhard Branstners „Die Reise zum Stern der Beschwingten“ (1968). Nach über einem Jahrzehnt prognostischen Ernstes wird der heldenhafte Weg in All von Branstner humoristisch auf die Schippe genommen." /5/
Im eigentlichen Sinne ist Branstners Roman eine Space Opera. Sie funktioniert ohne besondere technische Finessen oder physikalische Erklärungen.
Doch Branstner, kein Freund der Untertreibung, widerspricht vehement der Behauptung, er schriebe keine Stories um Wissenschaft und Technik. /6/
Er beginnt seinen Beweis mit einer Anekdote:
Als er mit Günter Krupkat, einem Vertreter der Hard-SF in der DDR, bei einer Veranstaltung war, behauptete Krupkat:
"Du verstehst doch nichts von Technik!"
Worauf Branstner konterte:
"Nur weil Du nichts davon verstehst, verstehst Du nicht, dass ich etwas davon verstehe!" Gerade in „Die Reise zum Stern der Beschwingten“ sei eine Unmenge technischen Wissens eingeflossen. Allein schon die Form einer Kugel mit drei Schalen für das Raumschiff Bommel habe er, als größter Physiker, gewählt, weil die Kugelform die physikalisch sinnvollste und eine perfekte Wahl sei.
Dennoch ist wohl allein die Heiterkeit der Brennstoff, der die Bommel durchs All schubst; vielleicht die wichtigste Erklärung, warum der Roman zeitlos ist und seine Leser auch 36 Jahre nach seinem Erscheinen noch zum Lachen bringt.
"Die Beschwingten nehmen nämlich nichts ernst und nichts heiter zugleich, gleichgültig, ob es sich um eine heitere oder ernste Angelegenheit handelt. ... Gerade durch dieses heitere Spiel, welches den Ernst verstellt, wird aber die Wirklichkeit nur um so treffender bezeichnet." /7/
Mit Recht kann man resümieren: Gerhard Branstner hat die größte Bommel.
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/1/ Branstner, Gerhard. Die Reise zum Stern der Beschwingten. Hirnstorff Verlag Rostock, 9 Auflage 1990, S. 6
/2/ Branstner: Reise, a. a. O. S. 123
/3/ Branstner: Reise, a. a. O. S. 125
/4/ Das Interview führte ich mit Gerhard Branstner am 13.01.2005 bei ihm zu Hause.
/5/ Steinmüller, Angela und Karlheinz: Vorgriff auf das Lichte Morgen. Studien zur DDR-Science-Fiction. EDFC 1995, S.24f
/6/ Steinmüller: Morgen, a. a. O. S. 51
/7/ Branstner: Reise, a. a. O. S. 184f


8. Internetzeitschrift „Die Hornisse“; Philosophische Streitschrift: Die führende Theorie des wirklichen Sozialismus. Ausgabe Nr. 04; September 2005 (Quelle: Privatkopie vom 24.08.2008 von der damaligen Adresse: http://zeitschrift-hornisse.de/Ausgabe-4.html)

Inhaltsverzeichnis:

Editorial
Der politische Hader:
Erwiderung auf „Der Geist, den Du begreifst“ von Christina Fischer
Linkspartei. Woher, wohin?
Das literarische Vergnügen:
Die vorschnelle Jungfrau
Was ein Gerücht auslösen kann, wenn Fantasie dazukommt
Das Mittelding
Jungfer ade!
Später Genuss
Der unappetitliche Hintergedanke
Nimmst Du die Folgen für den Grund, bringst Du die Logik auf den Hund
Gegensätze ziehen sich nicht an, es sei denn, an dem einen ist vom andern was dran
Zwei Zoten
Die geistige Lufthoheit über dieser Welt
Die Soziologische Transfermatik
Die Weltparodie
Darauf einen Nepomuk
Das vermischte Feuilleton:
Von einem Manne, der sich zu Tode lachte, nachdem er sein Testament gemacht hatte
Ankündigung

Editorial

Lieber Leser, die bisherigen drei Nummern der „Hornisse“ waren eine Mischung von intellektuellem Genuss und einer Zumutung: Die erste Nummer kam Wochen zu spät und einige Artikel fehlten ganz, die zweite Nummer kam (wegen Krankheit eines Mitarbeiters) überhaupt nicht und die dritte Nummer hatte auch ihre Mängel. Die zweite Nummer liefern wir bei Gelegenheit nach, die anderen beiden sind in korrekter Fassung aus dem Archiv zu haben. Wir mussten das Team austauschen, auch die Adresse, sie lautet jetzt: www.zeitschrift-hornisse. de. [Veraltet.]

Ein Wort auf den weiteren Weg. Die „Hornisse“ wird einige Zeit brauchen, um als das bekannt zu werden, was sie ist, die journalistisch attraktivste und gedanklich wertvollste und wichtigste Zeitschrift, und das im internationalen Vergleich. Allein das in der dritten Nummer dargestellte „Naturgesetz des Menschen“ (das Gesetz der Einheit von Mensch und Natur) ist ein Weltereignis, wird mit ihm doch die Weltformel des menschlichen Daseins und seiner historischen Entwicklung entdeckt. Einstein zum Beispiel und Heisenberg haben die Weltformel für das Gebiet der Physik gesucht, die Formel, die alle Bewegungskräfte auf einen Begriff bringt. Sie waren erfolglos. Die Formel für die gesellschaftlichen Bewegungen ist nicht leichter zu finden. Aber wir haben sie gefunden. Und haben sie der Öffentlichkeit vorgestellt. In dieser, der vierten Nummer, stellen wir die Soziologische Transfermatik vor. Das ist die Entdeckung der mächtigsten Quelle der ökonomischen Produktivität und zugleich Wesensprinzip des menschlichen, menschenwürdigen Zusammenlebens. Als das ist sie die Entdeckung der ökonomischen und menschlichen Überlegenheit des Sozialismus/Kommunismus. Ist das nichts? In dieser sensationellen Weise folgt eine Nummer der „Hornisse“ nach der anderen, eine Entdeckung nach der anderen. Lieber Leser, ich hoffe, dass Du an dieser wunderbaren Entwicklung des modernen Denkens regen Anteil nimmst und zur Verbreitung der „Hornisse“ beiträgst.
Dein Gerhard Branstner

Der politische Hader

Erwiderung auf „Der Geist, den Du begreifst“ von Christina Fischer

Schon der Untertitel „Hacks für Fortgeschrittene“ ist von dummer Überheblichkeit, denn da wird unterstellt, dass der schlimme Stalinist Hacks für nicht Auserwählte zu hoch steht. Ich habe in meiner Rezension des Topos-Heftes über Hacks ausführlich belegt, dass Hacks die Millionen Opfer Stalins damit rechtfertigt, dass Stalin damit den Sozialismus gerettet habe. In Wirklichkeit hat Stalin dem Sozialismus den Todesstoß versetzt. Zu diesem Hauptpunkt meiner Rezension sagt die gute Christina kein Wort. In ihrer blinden Verehrung von Hacks zur Analphabetin geworden, behauptet sie, dass ich „eine großspurige Abrechnung mit Hacks“ vornehme. Ich rechne aber nur mit dem Stalinismus von Hacks ab. Die gute Christina kann auch nicht lesen, dass ich den Dichter Hacks unüberlesbar als Genie bewerte. Kritisch bewerte ich nur seine politisch-theoretische Auffassung, denn die ist verheerend, genannt hier nur die Geschädigten Hans Heinz Holz, Kurt Goßweiler, Dieter Kraft und Sarah Wagenknecht und deren Wirkung. Aber darüber kein Wort von unserer fortgeschrittenen Christina. Wohin ist sie nur geschritten? Ein weiteres Beispiel der verheerenden Wirkung ist die „junge Welt“, die meine Rezension ablehnte, nicht, weil sie in irgendeinem Punkte anfechtbar ist, sondern weil man Goßweiler nicht verärgern will. Goßweiler ist ein Rechtfertiger von Stalins Massenmorden. Aber einen Rechtfertiger von Massenmorden darf man nach Meinung von Arnold Schölzel, dem Chefredakteur der „jungen Welt“, nicht verärgern. Das macht deutlich, wie schlimm der Einfluss des Stalinismus ist. Und wie nötig seine Bekämpfung. Wo steht da die UZ? [„Unsere Zeit“, 1969 gegründete „Sozialistische Zeitung - Zeitung der DKP“] Statt der „großspurigen Abrechnung mit Hacks“ ist von Christina eine „sachliche Betrachtung“ nötig, und die nimmt sie gleich selber vor. Man staune: Der 28. August „ist nun auch vielleicht nicht ganz zufällig, das Todesdatum von Hacks“. Der arme Hacks ist nicht zufällig gestorben? Wie dann? Planmäßig? Dagegen spottet Christina über mich, der sich als den „bedeutendsten Dichter der Jetztzeit“ sieht. Soll ich vielleicht darauf warten, dass eine Analphabetin das entdeckt? Dass Brecht und Majakowski in der Selbstbewertung unübertroffen waren, hat sie natürlich auch nicht gelesen. Während Brecht sein Selbstlob, dass er ein neues Zeitalter eröffnet hat, mit kokettierender Bescheidenheit garniert, ist Majakowskis Unbescheidenheit so krankhaft, dass er, als sie nicht mehr fruchtet, sich in kindlichem Trotz umbringt. Da bin ich doch geradezu normal. Dichter sind nun mal gezwungen, den ständigen Fehlurteilen mit dem entgegengesetzten Extrem zu begegnen. Wer auf das gerechte Urteil der Mitwelt rechnet, kann sich gleich begraben. Noch ein Wort zu Christinas Wortverwechselungen. Ich mache Hacks keine „bitteren Vorwürfe“, ich „geißele“ ihn auch nicht, Oehme liefert eine „klirrende Abhandlung“. Den Volker Riedel lobt sie, weil er zu bedenken gibt: „Wenn Hacks“ den stalinschen Massenmorden „das Wort redet, dann geschieht das stets auf einer sehr hohen“ Ebene. Was unsere Christina billigt. Dieses oberflächliche, unkorrekte, gehässige Gelaber soll wohl eine „sachlichere Betrachtung“ sein. Jedes Wort darüber ist eigentlich eine Überbewertung.

Linkspartei. Woher, wohin?

1. Alle unsre Parteien sind unter kapitalistischen Bedingungen entstanden und haben sich diesen Bedingungen mehr oder weniger angepasst. Sie sind Gewächse im kapitalistischen Treibhaus. Kriterien sind, dass z. B. die PDS, statt konsequente Opposition zu machen, sich einer Regierungsbeteiligung würdig erweisen will. Und die Existenz im Parlament war doch immer nur ein Prozess der bürgerlichen Korrumpierung. Von der Entmannung der außerparlamentarischen Aktionen ganz zu schweigen. Das andere Kriterium ist das Prinzip Gleichheit. Wenn der Arme wie der Reiche nicht aus Hunger stehlen muss und ins Gefängnis kommt, müssen beide gleich reich sein, was Gemeineigentum voraussetzt. Gemeineigentum, Gleichheit, Freiheit, das ist die Pyramide, die ein Linker erstreiten muss. Wie kann das ein Treibhausgewächs? Die einzige Partei, die aus dem Teufelskreis heraussprang, war die Partei Lenins. Aber sie sprang mit einem Rüsselsprung heraus und landete, schon vor Stalin, gegen und mit Lenin, wieder voll drin. Sonst wäre ein Stalin nicht möglich gewesen.
2. Wahlen sind eine kapitalistische Einrichtung. Sie funktionieren entsprechend dem bürgerlichen Parteiensystem. Wenn sie nicht kapitalistisch funktionieren, sorgen Noske, Franco oder Pinochet für kapitalistische Ordnung. In diesem kapitalistischen Theater mitzuspielen ist peinlich.
3. Die neue Linksvereinigung hat reformistische und „altgläubige“ (wenn nicht stalinistische) also ungute Parteigänger, aber auch ehrliche, für soziale Gerechtigkeit eintretende Menschen. So kurios die Mischung ist, kann sie doch im Bundestag den anderen Parteien den Spaß verderben und in die Suppe spucken. Nur Auslöffeln muss sie die Suppe auch.

Das literarische Vergnügen

Die vorschnelle Jungfrau

Gegen Ende des letzten Krieges, die Front war nur einige Marschstunden entfernt, zogen mehrere Kompanien Ersatzgrenadiere auf das Städtchen Schlitz zu, um dort das letzte Quartier vor dem Einsatz zu nehmen. Die Truppe setzte sich vor allem aus Männern zusammen, die eben noch Kinder waren oder aber schon lange Großväter. Um die Kampfmoral dieses „letzten Aufgebots“ zu heben, war eine Abordnung von Ehrenjungfrauen gebildet worden, die, mit Sträußen in den Händen und vom Bürgermeister des Städtchens begleitet, die Truppe vor den Toren von Schlitz empfangen sollte. Und als die erste Kompanie nahe genug heran war, schwenkten die Jungfrauen ihre Blumen und der Bürgermeister öffnete den Mund zu einer markigen Ansprache. In diesem Augenblick jedoch geschah etwas, durch das der Ablauf der Dinge grundlegend verändert wurde. Eine der Jungfrauen nämlich, die ihre vaterländische Begeisterung nicht mehr bei sich behalten konnte, rief plötzlich weithin hörbar: „Willkommen in unserem schönen Schlitz!“ Dieser missverständliche Willkommensgruß löste unter den Soldaten ein unmissverständliches Gelächter aus, das sich von Kompanie zu Kompanie fortpflanzte, bis es auch den letzten Ersatzgrenadier ergriff, einen fußkranken Opa, der darüber ganz aus dem Tritt kam. So ergab sich, dass die lange Schlange der Soldaten fürchterlich grölend an den blutübergossenen Ehrenjungfrauen nebst dem noch immer mit offenem Munde dastehenden Bürgermeister vorbeizog. Damit hatte aber der Willkommensgruß der vorschnellen Jungfrau seine Wirkung noch nicht erschöpft. Kaum, dass sie Quartier gefasst hatten, schwärmten die Soldaten in den Straßen und Gassen des Städtchens aus, um die Schlitzerinnen beim Wort zu nehmen. Und da sie alle von dem großzügigen Versprechen ihrer Geschlechtsgenossin wussten, denn es hatte sich in Windeseile im ganzen Ort herumgesprochen, geschah etwas durchaus Seltsames. Immer, wenn ein Soldat und eine Schlitzerin sich anblickten, wussten beide, woran der andere dachte, was wie ein stilles Einverständnis wirkte, sodass alle ansonsten unvermeidlich und zeitraubenden Annäherungsversuche überflüssig wurden. So kam es, dass selbst der langsamste der Ersatzgrenadiere, ob nun der schüchterne Jüngling oder der lahme Opa, seine Schlitzerin fand. Die Folge war, dass sich der Abmarsch der Truppe am nächsten Morgen um nicht weniger als zwei Stunden verzögerte, was bei gut fünfhundert Soldaten mehr als tausend Stunden sind, um die ihr Einsatz an der Front reduziert wurde. Und in tausend Stunden wird dort viel geschossen, und mancher wird tödlich getroffen. So aber wurde mancher nicht getroffen. Und er ahnt bis heute nicht, welchem Umstand er sein Leben verdankt. Ein merkwürdiges Beispiel von der Macht des Wortes, auch wenn es von einem unbedachten Weibe gesprochen wird.

Was ein Gerücht auslösen kann, wenn die Fantasie dazukommt

Die folgende Geschichte soll sich vor vielen Jahren abgespielt haben. Das will aber nichts besagen. Ein Mädchen, so rank und schlank wie jede andere in dem kleinen Dorfe, in welchem sie geboren und aufgewachsen war, bekam, als ihre Altersgefährtinnen sich eine nach der anderen verheirateten, einfach keinen Mann ab. Niemand wusste zu sagen, was daran schuld war. Eines Tages nun ging die Rede im Dorfe um, dass eben diesem Mädchen eine Maus unter den Rock geschlüpft und in ein gewisses Loch gekrochen sei, sodass es vieler Mühe und komplizierter Anstalten bedürfte, sie wieder ans Tageslicht zu befördern. Bemerkenswert an diesem Vorkommnis ist aber, dass dieses Mädchen von Stund an die begehrteste ihres Geschlechts im Dorfe war. Ja selbst aus der näheren und weiteren Umgebung zog es die Männer an; und nur eine bald vollzogene Heirat machte allem Weiteren ein Ende. Diese Geschichte zeigt uns die menschliche Liebe von einer ganz aparten Seite, denn nur die Fantasie eines Mannes kann sich an solch einem Gerücht entzünden, und nur der Fantasie einer Frau kann ein solches Gerücht entspringen. Und das es sich um ein Gerücht handelte, müssen wir wohl annehmen.

Das Mittelding

Der Mensch hat Kopf und Beine,
zu denken und zu gehn.
Das Ding in beider Mitten
bleibt ungeachtet stehn.
Doch ohne es wär keiner
von uns in dieser Welt,
weshalb’s von allen Dingen
am besten mir gefällt.

Jungfer ade!

Gar wohl auf einem Tanz
verlor sie ihren Kranz.
Was mag das für ein Kranz gewesen sein?
Was mag das für ein Tanz gewesen sein?

Später Genuss

Seitdem Nepomuk nicht mehr rauchte, sammelte er mit leidenschaftlichem Eifer alle Artikel, die gegen diese schädliche Gewohnheit gerichtet waren. Darauf aufmerksam gemacht, dass diese Artikel jetzt doch keinen Nutzen mehr für ihn hätten, sagte er: „Aber jetzt erst lese ich sie mit Genuss.“

Der unappetitliche Hintergedanke

In interessierter Runde wurde Nepomuk gefragt, worin er das Unterscheidungsmerkmal des Individualisten sehe. „Der Mensch“, gab Nepomuk Antwort, „ist ein kultiviertes Wesen, daher verrichtet er das Negative gemeinhin für sich; er ist aber auch ein geselliges Wesen, daher verrichtet er das Positive gemeinhin mit anderen, beispielsweise speist er mit Vorliebe in Gesellschaft.“ Der negative Hintergedanke erregte allgemeines Gelächter. „Wer nun“, schloss Nepomuk den Gedanken ab, „in Verkehrung des natürlichen Verhältnisses das Positive mit Vorliebe für sich verrichtet, der ist ein Individualist.“ „Und wie“, wollte man noch wissen, „nennt man einen, der das Negative in Gesellschaft verrichtet?“ „So er kein Ferkel ist“, sagte Nepomuk, „sollte man ihn einen Neuerer nennen.“

Nimmst du die Folge für den Grund, bringst du die Logik auf den Hund

Die Spitzmaus machte dem Mäuserich ständig Vorwürfe, weil er des Abends, statt schön zu Hause zu bleiben, auf die Promenade ging und dort mit den flotten Mäuschen flirtete. Da die Vorwürfe nichts fruchteten, versuchte es die Spitzmaus endlich auf eine andere Art. Sie machte sich schön, verkleidete sich und folgte dem Mäuserich auf die Promenade. Dort begann sie sogleich einen Flirt mit ihm; und da er sie sehr nett fand, folgte er ihrer Einladung, sie nach Hause zu begleiten. Dort angelangt erkannte er, dass er vor dem eigenen Loche stand. Nun gab sich auch die Spitzmaus zu erkennen und erklärte ihn seiner Schuld für überführt. Statt aber zerknirscht zu sein, wurde der Mäuserich ungemein vergnügt und sagte: Wenn du nur immer halb so hübsch zurechtgemacht und nett zu mir gewesen wärst wie vorhin auf der Promenade, wäre ich auch immer gern zu Hause geblieben. Also hast du nicht mich, sondern dich der Schuld überführt.

Gegensätze ziehen sich nicht an, es sei denn, an dem einen ist vom andern etwas dran

Wie weise, sprach die Eule, war doch die Natur, als sie Männchen und Weibchen so einrichtete, dass sie einander genau ergänzen. Im Gegenteil, widersprach der Storch, der als Fachmann auf dem Gebiete galt. In Wirklichkeit hat sich die Natur bei der Verteilung der Geschlechtsorgane geirrt und das männliche Teil dem Weibchen, das weibliche Teil aber dem Männchen verliehen. Nur so ist es zu erklären, dass die beiden sich ständig hinterdreinlaufen und das Männchen versucht, dem Weibchen das eigentlich diesem gehörende Glied zuzustecken, während das Weibchen darauf aus ist, dem Männchen das seine zu geben.

Zwei Zoten

Zwiesprache von zwei toll Verliebten während des Geschlechtsverkehrs: Sie: Wie oft habe ich Dir schon gesagt, dass Du die Brille absetzt, wo ich doch so kitzlig an den Oberschenkeln bin. Er: Und wie oft habe ich Dir gesagt, dass man mit vollem Munde nicht spricht.

Ein Wanderer wollte den Weg nach Nürnberg abkürzen und stapfte quer über ein Feld, auf dem eine Bäuerin Rüben verzog. In der Hitze hatte sie den Rock hochgeschlagen und zeigte den knackigen Hintern. Der Wanderer lässt die Hose runter und stöpselt genüsslich drauflos, bis er genug hat. Da fragt er: „Geht es hier nach Nürnberg?“ „Das schon“, sagt die Bäuerin, „aber nicht mitten durch die Leut.“

Die geistige Lufthoheit über dieser Welt

Die Soziologische Transfermatik

Im Folgenden wird der Versuch unternommen, einer neuen Wissenschaft auf den Weg zu helfen. Sie mag, solange kein besserer Name gefunden ist, Soziologische Transfermatik heißen (kurz: ST) und kann, um einen vorläufigen Begriff von ihr zu erhalten, mit der Bionik verglichen werden. Wie diese ist die ST eine Übertragungswissenschaft. Sie findet, fördert und methodologisiert Übertragungsmöglichkeiten, aber nicht wie die Bionik aus der Biologie in die Technik, sondern innerhalb des Bereichs der Soziologie, von einem Gebiet der Soziologie in ein anderes. Darauf fußend beschäftigt sie sich allerdings auch mit Übertragungen aus anderen Bereichen und in andere Bereiche, also auch in den der Technik. Die ST zielt primär nicht auf technische Effekte, sondern auf humanistische, humanisierende. Ihr geht es um menschlichere Möglichkeiten, auch in der Technik. Wie andere Wissenschaften kann auch die Soziologische Transfermatik nicht aus dem Nichts entstehen, sie setzt Vorläufiges voraus. Die von der ST zu erfassenden Übertragungen sind nützlich und nötig und finden daher auch spontan statt. Und wie in der Praxis finden sich Entsprechungen auch in der theoretischen Reflexion. Folglich ist es nicht verwunderlich, wenn in der Vorstellung der Soziologischen Transfermatik als einer neuen Wissenschaft manches bekannt vorkommt. Neu an der Soziologischen Transfermatik sind nicht ihre Vorläufe. Mit der ST als der zuständigen Wissenschaft werden die Übertragungen statt sporadisch jetzt systematisch (d. h. mit steigender Fündigkeit) und statt spontan jetzt methodisch (d. h. mit steigender Effektivität) vorgenommen. Und über die einzelnen unterschiedlichen Zwecke wird der allgemeine humanistische Zweck aller Übertragungen gesetzt.

Einige Beispiele soziologischer Transfermationen

In einer mittelasiatischen Industriestadt war für die Herstellung von Stickwaren ein Fabriksaal eingerichtet worden, und die Arbeitsplätze waren wie in einer Schulklasse in Reihen hintereinander angeordnet, sodass die Arbeiterinnen nur den Rücken der vor ihnen Sitzenden sehen konnten. Zu Hause waren sie gewohnt, ihre Unterhaltung und auch viele ihrer Arbeiten im Kreise sitzend zu verrichten. Als man auf die Idee kam, die häusliche „Sitzordnung“ in den Fabrikraum zu übertragen, stieg nicht nur das Wohlbefinden, sondern auch die Arbeitsleistung, und zwar für dauernd. Ein anderes Beispiel beruht auf dem Umstand, dass der Mensch ein Drei-Generationen-Wesen ist. Soziale Vererbung, Wohlbefinden, menschlicher Reichtum, Persönlichkeitsbildung sind an diese Drei-Generationen-Einheit gebunden. Wer niemals Enkel oder Großvater bzw. Großmutter war, dem fehlt ein wesentliches Element menschlichen Seins und menschlicher Erfahrung. Um diese Drei-Generationen-Einheit zu realisieren, braucht es aber auch materieller Träger. Diese können von sehr unterschiedlicher Art sein, beispielsweise der sogenannte Großvatersessel. Auf ihn übertragen sich Erlebnisse, Erinnerungen, Gefühle usw. von mehreren Generationen. Und wer, sich dessen bewusst, in ihm sitzt, erlebt einen ganz eigenen Wert. Wie vielfältig der sein kann, lässt sich aus Diderots „Bedauern über meinen alten Schlafrock“ schließen. Wie ein Sessel können viele Gegenstände unserer unmittelbaren Umgebung an Wert gewinnen, wenn menschliche Eigenschaften auf sie übertragen werden, indem sie diesen Eigenschaften entsprechen und ihnen dienen. Das ist menschlich (und auch ökonomisch) vernünftig und besonders dann von Wichtigkeit, wenn das materielle Wegwerfverhalten in Wechselwirkung mit dem moralischen Wegwerfverhalten vor sich geht. Die Verluste, die hier eintreten, sind bedrohlich. Verhaltensforscher bezeichnen es als „geradezu absurd“, die Altersschichten des Menschen voneinander zu trennen. Die Soziologische Transfermatik befähigt uns, Formen der Übertragung zu finden und anzuwenden, die der Bewahrung des menschlichen Wesens dienen. Selbst wenn es ein Großvaterstuhl ist. Ein weiteres Beispiel ist die Übertragung der in der Gastronomie kultivierten Form des Menüs auf die Theaterbühne. Ein Stück blank zu spielen, ist eine rohe Form von Theater. Das ist, wie wenn man Gäste zum Essen einlädt und ihnen statt einer überlegt zusammengestellten Speisenfolge nur ein einziges Gericht vorsetzt. Das Menü hebt, indem es aus mehreren Gängen besteht, den Wert des einzelnen Ganges, denn es gibt ihm einen besonderen Stellenwert. Und ein kultiviertes Menü besteht nicht nur aus Vor-, Haupt- und Nachspeise. Zum Auftakt sorgt ein Aperitif für die Einstimmung und aktiviert die Magensäfte, zwischen den Gängen werden entsprechende Drinks gereicht, und zum Abschied erhalten die Gäste noch eine kleine Aufmerksamkeit mit auf den Weg. Schon erste Versuche, obwohl nur ansatzweise und partiell, die Form des Menüs auf das Theater zu übertragen, haben den Gewinn für beide Seiten erwiesen. Das Publikum nimmt das Angebot dankbar an, und die Schauspieler erlangen unversehens eine freiere, publikumsfreundlichere Spielweise.

Eine erste Analyse der Soziologischen Transfermation

Schon die wenigen vorgeführten Beispiele machen deutlich, dass die der ST zugehörigen Übertragungen sehr unterschiedlich sein können. Das gilt sowohl für die Gebiete, aus denen bzw. in die übertragen wird, als auch für die zu übertragenden Strukturen, Funktionen, Prozesse etc. (im weiteren der Einfachheit halber immer Formen genannt). Und das gilt auch für die unmittelbaren Zwecke der Übertragungen und die Übertragungsverfahren. Das macht eine Systematisierung sehr schwierig. Und auf Anhieb unmöglich. Immerhin können schon einige Kriterien ausgemacht werden. Voraussetzung für eine sinnvolle Übertragung ist die Kenntnis der bisherigen Bindung der zu übertragenden Form. Aber nicht, um diese Bindung

zu übernehmen, sondern nur, um sie zu durchschauen. Die bisherige Bindung kann Existenz- oder Funktionsbedingung sein. Durch sie kann die zu übertragende Form nützlich oder schädlich sein. Entscheidend ist allein der Nutzen nach der Übertragung. Durch die Transfermation kann Sinnloses Sinn gewinnen oder Sinnvolles Sinn verlieren. Entscheidend ist nicht, welche Rolle die zu übertragende Form bisher spielt. Ebenso wenig ist entscheidend, welche Qualität das bisherige Gebiet hat, ob es beispielsweise vergänglich oder gar verwerflich ist. In der Unterwelt wie im Kriegswesen, in Hunger- wie in Seuchenzeiten, immer und überall können sich Formen entwickeln, deren Übernahme von Gewinn ist. Aber stets ist ihre Bindung zu prüfen, um zu sichern, dass die betreffende Form unbeschädigt abgelöst und sinnvoll eingesetzt wird. Ein weiteres Kriterium ergibt sich daraus, dass die Möglichkeiten von Übertragungen schier grenzenlos sind. Daher ist es unerlaubt, aus Gründen der Gewohnheit oder der Pietät Übertragungen von vornherein auszuschließen. Die Soziologische Transfermatik hat ihren Sinn nicht zuletzt gerade darin, die geistige und moralische Freiheit für ungewöhnliche Übertragungen zu entwickeln. Das trifft speziell auf Übertragungen aus uns geografisch, historisch oder ethnisch fernliegenden Gebieten zu. So sind beispielsweise übernehmenswerte Formen aus dem Leben der Naturvölker durchaus nicht immer an ihre ursprünglichen Bedingungen gebunden. Schließlich sei noch auf Kriterien einer Systematisierung der Übertragungsgebiete verwiesen. Da sind einmal solche Bildungen wie Familie, Sippe, Großfamilie, Kollektiv, Team und andere Gruppen, die, um bestehen zu können, effektive Strukturen, Organisationsformen, Gliederungen u. a. entwickeln. Ein weiteres ergiebiges Gebiet sind die korrelativen Gegensatzpaare wie Mann-Frau, Lehrer-Schüler oder Eltern-Kinder, aber auch solche wie Faust und Mephisto, Don Quichote und Sancho Pansa, Dick und Doof oder Gott und Teufel. Die sich in diesen korrelativen Konstellationen entwickelnde Produktivität und Funktionstüchtigkeit muss nur auf ihre Übertragbarkeit hin analysiert werden, um zu verblüffenden Wirkungen zu kommen. Ein ganz eigenes Gebiet sind die Grundsehnsüchte des Menschen. Genannt seien als Beispiel hier nur das ewige Leben (Unsterblichkeit), sich beliebig in Raum und Zeit bewegen zu können, sich unsichtbar machen (Tarnkappe) oder zaubern bzw. verzaubern zu können, fliegen zu können wie ein Vogel. (Diese Sehnsucht ist durch das Flugzeug nicht verwirklicht, denn da werden wir geflogen. Daher das Drachenfliegen, das uns der Grundsehnsucht viel näher bringt.) Die wissenschaftliche Erforschung der Grundsehnsüchte als Voraussetzung für ihre Nutzung durch die ST ist leider nicht gegeben. Dabei sind diese Grundsehnsüchte von eminenter Bedeutung auch unabhängig von der ST, denn sie stehen so oder so hinter allen unseren Vorstellungen, Wünschen, Hoffnungen und Handlungen. Aus ihrer Erfüllung oder Nichterfüllung erklären sich wichtige positive und negative Befindlichkeiten des (einzelnen) Menschen. (Aber Psychologie, Medizin usw. sind hier ohne Erklärungshilfe.) Und in ihrer Eigenschaft als Bedürfnis und Triebkraft verdanken wir den Grundsehnsüchten entscheidende Entwicklungen in Wissenschaft und Technik und in der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Angesichts dessen kann das bisherige wissenschaftliche Verhältnis zu den Grundsehnsüchten nur als sträfliche Vernachlässigung bezeichnet werden. Es ist an der Zeit, den Grundsehnsüchten des Menschen eine eigene Wissenschaft zu widmen. Für die Soziologische Transfermation stellen die Grundsehnsüchte eine unerschöpfliche Quelle dar, ob nun als Herkunfts- oder als Zielgebiet. Und das unabhängig davon, in wieweit diese Sehnsüchte Utopie sind. Soviel zu einigen ersten Kriterien einer Systematisierung der Soziologischen Transfermatik.

Weitere Beispiele soziologischer Transfermationen

Eine für die soziologische Übertragung interessante Grundsehnsucht ist die von der heilen Welt. Diese Sehnsucht tritt in den vielfältigsten Formen auf, und sie verbirgt sich in den vielfältigsten Formen, als Wunsch und als Forderung, als Zuflucht und als Maß. Die heile Welt hat nur wenige Merkmale: Sie ist überschaubar und daher durchschaubar, ihre Strukturen und Bestandteile und deren Zusammenwirken sind bekannt und finden allgemeine Akzeptanz; man weiß und fühlt sich in ihr geborgen und gesichert, denn die Probleme, die sie durchaus kennt, sind lösbar und nicht existenzgefährdend. Dieses Bild der heilen Welt hat viele Varianten und Ausgestaltungen, aber die Grundelemente bleiben im Wesentlichen die gleichen. Die Vorstellung einer heilen Welt kann zur Idylle geraten und in Lebensfremdheit und Illusionismus verkommen. Sie kann gegenüber dem angeblich höheren Streben nach Risiko, nach Gefahr, Wagnis und dergleichen herabgesetzt werden. Und sie kann mit Verweis auf die (unheile) Wirklichkeit als Beschönigung oder Utopie verunglimpft werden. Und doch ist die heile Welt nicht klein oder gar totzukriegen. Und das nicht nur als Sehnsucht, sondern auch in der Wirklichkeit. Zu Zeiten der Naturvölker war (und ist in Restvorkommen noch immer) die heile Welt selbstverständliche Lebenswirklichkeit. Aber auch in späteren Zeiten war und ist sie existent, so in dörflichen Gemeinschaften, im Familien- und Sippenleben. Und natürlich in der Literatur und nicht nur in der utopischen. Erfahrungswerte besagen bezeichnenderweise, dass die Sehnsucht nach der heilen Welt beim weiblichen Geschlecht stärker ist als beim männlichen. Aber sie lebt in jedem normalen Menschen. Und das ist nur natürlich, denn die heile Welt ist eine existenzielle Notwendigkeit. Ohne ihr regulierendes, harmonisierendes, verbindendes Wirken wäre kein Leben möglich. Ihr Gegensatz, die „unheile Welt“, ist allein und in sich nicht existenzfähig und kann nur als Herausforderung verstanden werden. Charakteristisch für die existenzielle Notwendigkeit der heilen Welt ist die Effizienz ihrer Prinzipien und Kausalitäten in bestimmten Formen von Biotopen, aber auch in der Technik bzw. in der Kybernetik. Die heile Welt ist in gewisser Weise die „Seele“ der Kybernetik, wie umgekehrt die Kybernetik die Explikation der heilen Welt ist. Das geschlossene (dynamische) System ist das Musterbeispiel einer heilen Welt. Technische Systeme sind das ideale Experimentierfeld, um Prinzipien oder Kausalitäten einer heilen Welt zu testen und zu retransfermieren. (Die Rückübertragung ist von genereller Bedeutung, kann an dieser Stelle aber nur erwähnt werden.) Die Übertragung von Prinzipien und Kausalitäten der heilen Welt auf spezielle, begrenzte gesellschaftliche Gebiete wie beispielsweise die Pädagogik, den Sport und dergleichen, aber auch auf globale Gebiete kann von entscheidender Bedeutung sein. Und sie ist unerschöpflich. Voraussetzung ist allerdings immer die Berücksichtigung der Bedingtheiten und das vorurteilsfreie Verhältnis zu dieser Grundsehnsucht. Eine andere und nicht weniger interessante Grundsehnsucht ist das Spiel. So mannigfaltig auch die Formen des Spiels sind und so häufig es als dem Wesen des Menschen eigen behauptet wird und so viele theoretische Arbeiten auch darüber verfasst wurden, eine kontinuierlich und systematisch arbeitende Wissenschaft des Spiels gibt es bis heute noch nicht. Daran ändern auch die wissenschaftlichen Gesichtspunkte, die von der Mathematik und der Kybernetik beigetragen wurden, nichts, denn diese Beiträge sind zu speziell und fundieren keine allgemeine Spieltheorie als Wissenschaft. Da ohne diese der Sinn der Übertragungen nicht gewährleistet ist, sei einer Wissenschaft des Spiels wenigstens soviel vorweggenommen, wie hier nötig ist. Das Spiel ist eine aus zwei Komponenten zusammengesetzte Erscheinung. Einerseits besteht es aus dem Spieltrieb. Dieser Trieb sucht sich zu verwirklichen, er ist ein Organ, das sich betätigen, eine Fähigkeit, die sich bestätigen will. Andererseits besteht das Spiel aus dem Bedürfnis, das Leben in all seinen Elementen frei, leicht, beliebig zu beherrschen, gleich dem Zauberkünstler vollkommener Meister über alles zu sein. Im Zusammenwirken beider Komponenten: In der lebendigsten, kreativsten Anwendung seiner Kräfte die höchste Beherrschung und Gestaltung seiner Lebensbedingungen zu verwirklichen, erlangt der Mensch seine „schöne Daseinsweise“. Erst wenn er spielerisch mit sich und seinen Lebensbedingungen umgeht, erst wenn ihm die Mittel seiner Existenz zu Spielmitteln geworden sind, ist der Mensch wirklich frei. Natürlich steckt (wie in der heilen Welt) auch im Spiel als Grundsehnsucht ein gehöriges Stück Utopie. Aber auch als ein im Letzten nicht Erreichbares bleibt es ein vernünftiges, erstrebenswertes Ziel. Und es ist eine unentbehrliche Motivation. Die weitgehende Erschließung des Spiels als Quelle soziologischer Übertragungen und der sinnvolle Effekt dieser Übertragungen wird erst durch die ST möglich. So ist (was hier nur unvermittelt geschehen kann) erst jetzt beispielsweise die Kunst in einer allgemeinen Funktion definierbar, nämlich als Vorahmung des Spiels mit der Wirklichkeit. Das ist doch einmal kurz und klar: Die Kunst ist Vorahmung des Spiels mit der Wirklichkeit. Auch wenn das nicht ihre einzige Funktion ist, so ist es doch diejenige, welche die Kunst an eine Grundsehnsucht des Menschen anschließt. Womit die Definition schlüssig und die Kunst wesentlich wird. Ein weites Feld, auf das Formen des Spiels übertragen werden können, ist die produktive Tätigkeit des Menschen. Formen des Spiels können den Arbeitsvorgang effektiver, weil geschickter, rationeller, ermüdungsärmer etc. machen. Überdies erhöht die Form des Spiels die Arbeitslust, denn in Form des Spiels befriedigt die Arbeit ein Grundbedürfnis bzw. eine Grundsehnsucht des Menschen. Ein weiteres Gebiet ist die Architektur. Von der Stadtgestaltung bis zur Innenarchitektur des einzelnen Gebäudes sind Übertragungen von Prinzipien des Spiels in vielfältiger Weise und mit weitreichenden Folgen möglich. Praktisches Exempel und anschaulicher Beweis ist ein von mir nach Prinzipien des Spiels gebautes Sommerhaus. Dieses Haus macht einen spielerischen Umgang möglich, indem die Verwendung der einzelnen Räume (in sich und in ihrer Verbindung und Trennung) nach Belieben verändert werden kann, sodass sich Nutzwert und Spaß der Nutzung bedeutend erhöhen. Auf die ethischen und ästhetischen Momente, die mit Formen des Spiels übertragen werden, kann hier nur verwiesen werden. Von speziellem Interesse für die soziologische Übertragung sind die korrelativen Gegensatzpaare. Ihre Vielzahl und Vielartigkeit ist verblüffend, ebenso ihre Eignung zur Transfermation. Dabei muss allerdings berücksichtigt werden, was gewöhnlich ignoriert wird, nämlich, dass Gegensätze sich nur anziehen, wenn sie außer ihren gegensätzlichen auch wesensgleiche (identische) Eigenschaften haben, andernfalls stoßen sie sich nur ab. Das bewahrheitet sich beispielsweise unangenehm, wenn eine Ehe älter wird. Als Demonstration soll hier eine Übertragung aus der Akrobatik auf das Theater dienen. In der Akrobatik finden wir häufig die Konstellation Untermann-Obermann, wobei der Untermann die Aufgabe hat, dem Obermann durch die verschiedensten statischen und dynamischen Mittel und Tricks zu attraktiven Effekten zu verhelfen. Eben diese Aufgabe hat der Schauspieler als „Untermann“ auch auf der Theaterbühne. Gewöhnlich neigt der Schauspieler dazu, für sich, also allein zu spielen, sich nach vorn zu spielen. Dem entgegen hat der Regisseur dafür zu sorgen, dass einer dem anderen zuspielt. Statt den anderen und damit die Gesamtwirkung zu verkleinern, muss einer den anderen und damit die Gesamtwirkung heben. Dem dient die Übernahme des „Untermannes“. Der Schauspieler als „Untermann“ lässt den Partner nicht nur voll zum Zuge kommen, er stützt ihn darüber hinaus in Vorbereitung der Leistung, während der Leistung, beim Abschluss der Leistung. Und er ist ihm Dolmetscher zum Publikum. Er kündigt durch sein Spiel beispielsweise die Pointe des Partners an, würdigt sie und verhilft auf diese Weise dem Publikum zu einem verständigeren, gesteigerten Genuss. Im Unterschied zur Akrobatik ist auf dem Theater jeder Untermann eines jeden. So reich die Schauspielkunst in ihren Möglichkeiten ist, so reich sind die Möglichkeiten des Zusammenwirkens von „Untermann“ und „Obermann“. Aber nur, wenn diese Transfermation nicht zufällig spontan stattfindet, sondern bewusst und methodisch. Und wenn nicht nur diese Transfermation stattfindet, sondern alle möglichen. Erst dann wird das Theater aus seinem im Grunde laienhaften weil ignoranten Zustande heraustreten. Die ST ist dafür eine wesentliche Voraussetzung. Das Prinzip Untermann-Obermann ist vielfältig und vielfach übertragbar, so zum Beispiel auf das humanistische Verhalten des Menschen („Einer trage des anderen Last“). Oder auf die Ästhetik des Gruppenverhaltens. Der Gruppensinn (Gruppierungssinn) des Menschen ist sehr gering ausgeprägt. Statt ein harmonisches „Gruppenbild“ herzustellen, stellen oder setzen sich Menschengruppen ohne alle Kultur zusammen, einer verdeckt den anderen, fällt ihm ins Wort, beschneidet seinen Anteil an der Gruppe. Um weitere Möglichkeiten soziologischer Transfermationen anzuzeigen, hier noch einige Beispiele aus sehr unterschiedlichen und sehr weit voneinander entfernten Gebieten: Wenn die Oma vor dem Fernseher sitzt und sich köstlich amüsiert, zugleich einen Pullover für den Enkel strickt und überdies das Neueste aus der Nachbarschaft zum Besten gibt, haben wir eine erstaunliche Auslastung von Kapazität vor uns. Voraussetzung ist, dass die drei Tätigkeiten jeweils ein anderes „Organ“ beanspruchen und „auf Luke“ [auf die ‚Lücke‘, die alle Tätigkeiten noch lassen] gesetzt werden können, ohne dass die nötige Kontinuität gestört wird. Bei Beachtung dieser beiden Kriterien sind auf allen Gebieten, auch dem der Technik, viele ungenutzte Kapazitäten nutzbar. Da lässt sich noch vieles „auf Luke“ setzen, ohne dass der „Fluss“ unterbrochen wird. Andere Beispiele sind die Übertragung von Warnsystemen oder Warnsignalen bzw. Informationssignalen in andere Gebiete und zu anderen Zwecken, die Übertragung von Erfahrungen der Zirkusdramaturgie beispielsweise auf die Pädagogik (Spannung, Entspannung, Abwechslung etc.), die Übertragung von Elementen der Sprachstruktur, der Grammatik auf die absolute Musik usf. Vielfältig sind die Übertragungsmöglichkeiten aus dem Sport, beispielsweise auf die produktive Tätigkeit des Menschen. Das beginnt mit der Übertragung von Trainingsmethoden auf das Erlernen eines Berufes und geht bis zur Übertragung eines ganzen Spielsystems auf einen in sich relativ abgeschlossenen Produktionsvorgang. Die bis ins Letzte durchfunktionierte Spielweise einer Volleyballmannschaft lässt sich beispielsweise ohne Weiteres auf ein Produktionsteam, das in einer bestimmten Zeit eine Höchstleistung vollbringen soll, übertragen, wenn man nur an den elastischen, speziellen und zugleich vielseitigen, taktisch variablen, psychologisch raffinierten Einsatz jedes Spielers im Interesse des Gesamteffekts denkt. Man muss nur einmal die Vielzahl der Elemente und Vorgänge während eines Volleyballspiels beobachten, vom Schmetterball bis zur Blockbildung, vom Einwechseln bis zur Auszeit, um zu erkennen, wie effektiv Übertragungen aus diesem Gebiet auf andere Gebiete wären. Auch auf das Gebiet der Technik, vor allem auf größere Aggregate. (Natürlich ist bei vieldimensionalen Formen oft nur eine teilweise Übertragung möglich.) Um die Vielfalt des Nutzens von Transfermationen deutlich zu machen, ein letztes Beispiel. Diesmal geht es nicht um das Erzielen eines Effektes, sondern um dessen Verhinderung. Die Geschichte der Wissenschaften kennt eine Vielzahl von Fällen, wo große Verluste an Zeit und Ertrag durch Verrufe verursacht wurden. Das klassische Beispiel ist Pasteur, der (wenn auch nicht als Erster) die Theorie der Urzeugung (die Entstehung von Leben aus unbelebter Materie) in Verruf gebracht hat. Ähnlich erging es der Äther-Theorie (die vollkommene Ausfüllung des Raumes mit feinster Materie) oder dem Neuronenmodell (Forschung mit neuronalen Netzen). In diesen und anderen Fällen wurde eine Theorie (Hypothese, Methode) derart diskreditiert, dass die Wissenschaft sich jahrzehntelang scheute, diese Theorie weiterzuverfolgen. Voraussetzungen für derartige Verrufe sind im wesentlichen, dass eine Theorie eine fehlerhafte (naive) und von daher anfechtbare Form hat, dass sie auf einem verkehrten Gleis angesetzt wurde oder dass sie erst auf höherem wissenschaftlichen Entwicklungsstand fundierbar ist. Diese Mängel einer Theorie zur Legitimation ihres Verrufs zu machen, ist unerlaubt. Der Nutzen der ST besteht hier darin, drohende Verrufe zu verhindern, indem sie das Durchschauen solcher Verrufe übertragbar macht. Die Transfermation kann also auch Warnfunktion haben. Natürlich treten derartige Verrufe und ihnen folgende Verluste nicht nur in der Wissenschaft auf. Dem entspricht auch die Warnfunktion der Transfermation. Allein die bisher angeführten Beispiele lassen erkennen, dass die Menschheit einen unerschöpflichen Reichtum an übertragbaren Formen hervorgebracht hat und weiterhin hervorbringt. Aber dieser schier unendliche Reichtum ist bis heute weitgehend „verschenkt“. Da diese Formen ihren Nutzen schon in sich haben und nicht von vornherein wie eine Ware für die Nutzung durch Dritte geschaffen werden, ist auch das Bewusstsein der Weiterverwertbarkeit dieser Formen nicht von vornherein gegeben. Es muss explizite gebildet werden. Dem dient die Soziologische Transfermatik.

Die allgemeine Methode der Soziologischen Transfermatik

Die Transfermationen haben, entsprechend ihrer Unterschiedlichkeit, sehr unterschiedliche, spezielle Methoden, Techniken, Verfahren nötig. An dieser Stelle geht es jedoch nicht um spezielle Methoden der Soziologischen Transfermatik, sondern um ihre allgemeine Methode, um einige wesentliche Bestandteile dieser Methode. Und ein erster, allgemeiner Bestandteil der Methode der ST ist ihre Erkenntnisfunktion. Erkennen heißt Vergleichen. Ohne Vergleich gibt es keine Erkenntnis. Selbst die Erkenntnis der Unvergleichlichkeit setzt den Vergleich voraus. Durch das Vergleichen erkennen wir das Gemeinsame und das Unterscheidende, das Wesentliche und das Unwesentliche an den Erscheinungen. Um sie aber vergleichen zu können, müssen wir die Erscheinungen in ein erkenntnisdienliches Verhältnis zueinander setzen. Das aber ist eine Kunst. Ein Verhältnis kann so verkehrt gewählt sein, dass es Unvergleichliches vergleichbar erscheinen lässt oder Vergleichliches unvergleichbar. Oder, dass die richtige Erkenntnis unmöglich wird. Wie problematisch die Wahl des Verhältnisses (der Bezugsebene) ist, zeigt die Frage, wer gewaltiger ist, der Amazonas oder der Mount Everest. Die Entgegnung, dass Fluss und Berg nicht vergleichbar seien, wird zweifelhaft, sobald gefragt wird, ob die Pleiße gewaltiger ist als der Mount Everest. Ungewöhnliche Vergleiche ermöglichen ungewöhnliche Übertragungen, und ungewöhnliche Übertragungen verlangen ungewöhnliche Vergleiche. Dass Erkennen Vergleichen heißt, ist für die ST von besonderer Bedeutung. Alle ihre Übertragungen setzen den Vergleich voraus: des Herkunftsgebietes (-objekts) mit dem Zielgebiet. Nicht alles Bestehende besteht zu Recht - nicht alles Vergangene ist zu Recht vergangen. Beispielsweise können manche (den unseren überlegenen) moralischen und juristischen Regeln der Naturvölker zwar nur dort entstehen, aber bestehen können sie auch hier. Um nichts Unsinniges zu tun und nichts Sinnvolles zu lassen, muss die ST zuständige Wissenschaften heranziehen wie die Ethnologie, die Geschichtsphilosophie, die Kulturphilosophie und andere, aber indem sie diesen Wissenschaften die Fähigkeit des Vergleichens im Sinne der ST abverlangt. Das würde diese Wissenschaften aus ihrer akademischen Verengung befreien und das würde manche bisher unmöglich erscheinende Übertragung als möglich erkennen lassen. Ein weiterer wesentlicher Bestandteil der allgemeinen Methode der Soziologischen Transfermatik ist das Spiel. Das Spiel ist nicht nur Übertragungsgebiet und übertragbare Form, es ist auch Übertragungsmethode. Da uns die wissenschaftliche Theorie des Spiels auch hier fehlt, muss eine bloße Aufzählung von Eigenschaften genügen, aus denen sich drei methodisch wichtige Funktionen des Spiels ergeben. Diese Eigenschaften sind: Beliebigkeit, Zweckfreiheit, Ungebundenheit, frei sein von begrenzter Zielsetzung, von Erfolgszwang, von enger Absicht, von falscher Pietät, dagegen Verunsicherung aller Gewohnheiten, die Entmachtung und Verachtung ihrer einengenden, lähmenden, blockierenden Wirkung. Aus diesen und anderen Eigenschaften, deren jede schon an sich der Soziologischen Transfermation dient, ergeben sich drei methodisch wichtige Elemente des Spiels, nämlich Vorurteilslosigkeit, Fantasie und Zweckentfremdung. Diese drei Elemente sind bei jeder soziologischen Übertragung gefordert, ohne sie geht nichts. Ein weiterer Bestandteil der allgemeinen Methode der ST ist die Heiterkeit. Heiterkeit nicht als naiver Frohsinn oder als individueller Charakterzug. Hier ist die Heiterkeit als Form (= Funktion) und Genuss sozialer und geistiger Freiheit gemeint. Freiheit macht heiter, und Heiterkeit macht frei. Unfreiheit macht ernst, und Ernst macht unfrei. Ernst bannt, Heiterkeit löst. Heiterkeit in diesem Sinne ist Voraussetzung des Spiels. Sie ist aber auch Folge des Spiels. Jedenfalls ist sie aber eigenständiges Element der allgemeinen Methode der ST. Sie verleiht allen Übertragungen ihren eigentümlichen Wert. Ein eminent wichtiger Bestandteil ist die Anpassung. Das erscheint unverständlich nur, solange die Anpassung allein als biologisches Gesetz oder moralische Unanständigkeit begriffen wird, und nicht auch als gesellschaftliche Form eines allgemeinen Naturgesetzes. Wie alles Leben folgt auch der Mensch dem Gesetz der Anpassung an die Natur, nur folgt er ihm auf seine Weise: Er organisiert sich als gesellschaftliches Wesen. Die gesellschaftliche Organisation ist nur zu verstehen, wenn sie als das dem Menschen eigene Organ der Anpassung verstanden wird. Das ist die natürliche Funktion der gesellschaftlichen Organisation. Die gesellschaftliche Organisation als Organ der Anpassung des Menschen an die Natur hat ihre Vorläufer im Tierreich. Bereits hier bilden sich Sozialstrukturen der vielfältigsten Art heraus, die den jeweiligen Tierverband befähigen, sich erfolgreich mit der Natur, mit der konkreten Umwelt auseinanderzusetzen. Das Gesetz der Anpassung ist oberste Notwendigkeit und erste Erklärung aller Entwicklung. Das gilt für die Verhaltensforschung ebenso wie für die Ökonomie oder die Ethik. Und das gilt für die Soziologische Transfermatik. Die gesellschaftliche Organisation gibt der Anpassung ihre Spezifik: Die Anpassung des Menschen an die Natur spezifiziert sich als Anpassung der Natur an den Menschen. Damit erhält aber die Notwendigkeit der Anpassung die Form der Freiheit. Diese Form verwirklicht sich als historischer Prozess. Die Anpassung der Natur an den Menschen bleibt immer nur eine spezifische Form der Anpassung des Menschen an die Natur, als höchste (effektivste) Form kann sie aber in ihr Gegenteil umschlagen und widernatürlich werden. Die Anpassung an die Natur ist das Kriterium der gesellschaftlichen Organisation des Menschen. Dient diese Organisation im Ganzen und in ihren Teilen der Anpassung oder dient sie ihr nicht? Bewirkt sie, statt Organ der Anpassung an die Natur zu sein, die Vernichtung der Natur und mit ihr die Vernichtung des Menschen, verwirkt sie ihren ureigensten Sinn. Eine andere Organisation wird notwendig, oder, wie Robert Jungk es sagt, eine neue Zivilisation. Diese neue Zivilisation kann nur auf einer neuen, Zweiten Aufklärung fußen. Und die Soziologische Transfermatik ist eine effektive Methode dieser neuen, Zweiten Aufklärung. (Die Übertragung funktioneller Formen vermittels der ST ist immer auch die kritische Befragung dieser Formen nach ihrem wirklichen Sinn. Damit wird aber ein unerschöpfliches Reservoir menschlichen Geistes, der in diesen Formen geronnen ist, fruchtbar gemacht.) Indem die Anpassung natürliches Kriterium des ureigensten Sinns der gesellschaftlichen Organisation des Menschen ist, ist sie auch natürliches Kriterium allen Humanismus. Und als das ist sie inhaltliche Orientierung aller soziologischen Transfermation. Ein weiterer Bestandteil der allgemeinen Methode der ST im Sinne einer inhaltlichen Orientierung ist die kritische Auffassung der Verwaltung des Menschen durch den Menschen. Mit der Verwaltung, des Menschen durch den Menschen wird die Autonomie des einzelnen Menschen, sein höchstes Gut, eingeschränkt oder aufgehoben. An die Stelle der eigenen Entscheidung über sich selbst tritt die fremde Entscheidung über ihn, sein Wohl und Wehe hängt von der Urteilsfähigkeit, dem Gerechtigkeitssinn, der Laune, dem Charakter anderer ab. Und selbst wenn der letzte Verwaltete noch Verwalter sein möchte, der Mann die Frau und die Frau das Kind und das Kind die Puppe verwaltet (bereits im Spiel das Verwalten und Verwalterwerden übt), so ist doch nicht jeder wirklich Verwalter, wohl aber jeder Verwalteter. Er ist Gefangener im System der Verwaltung und nicht frei in seinen Entscheidungen. Der Mensch wird von Verwalteten verwaltet. Und das macht die Sache noch übler. Die Verwaltung des Menschen durch den Menschen bedarf zu ihrer Perfektionierung des gesellschaftlichen, des sozialen Rollenspiels: die Selbstverwaltung im Sinne des Systems der Verwaltung. Die Verwaltung des Menschen durch den Menschen verdichtet sich, historisch gesehen, zunehmend, allerdings weitgehend unmerklich. Und sie reicht von der Geburt bis zum Grab. Der Mensch trägt sie als Gefühl, als bewusste und unbewusste Last sein Leben lang mit sich. Und er kann diese Last nicht abschütteln. Wenn die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen schon infam ist, so ist die Verwaltung des Menschen durch den Menschen noch infamer. Die Ausbeutung entwendet ihm nur sein Produkt, die Verwaltung entwendet ihn selber. Und kehrt ihn gegen sich selber, macht ihn (in Form des Rollenspiels) zum "Selbstverwalter". Die Demütigung wird zur Selbstdemütigung. Auch wenn die Verwaltung des Menschen durch den Menschen objektiv historisch bedingt ist, kann sie reduziert, gemildert und partiell sogar aufgehoben werden. Die Soziologische Transfermatik hat hier ihre spezifischen Möglichkeiten.

Allgemeine Effekte der Soziologischen Transfermatik

Wie die ST außer den vielfältigsten speziellen Methoden auch eine allgemeine Methode hat, so hat sie außer den vielfältigsten speziellen Effekten auch allgemeine, bei jeder Übertragung auftretende Effekte. Von diesen sollen hier nur drei charakterisiert werden. Einer dieser allgemeinen Effekte ist der Gewinn an Erkenntnis. Erkenntnis ist nicht nur Voraussetzung, sie ist auch Ergebnis soziologischer Transfermation. Die Übertragung einer Form von einem Gebiet (Objekt) auf ein anderes (im Besonderen, wenn sich die Gebiete qualitativ voneinander unterscheiden) stellt eine neue Konstellation her: veränderte Beziehungen, veränderte Kausalitäten und womöglich veränderte Eigenschaften. Immer aber ist die neue Konstellation auch eine neue Vergleichskonstellation. Oder anders gesagt: Die soziologische Transfermation erzeugt den Effekt der Verfremdung. Es ist durchaus legitim, die Übertragung allein um neuer Erkenntnisse willen vorzunehmen. Und um die jetzt neu begriffene Form beispielsweise mit Gewinn auf ihr ursprüngliches Gebiet zu retransfermieren. Das kann ausreichender Zweck des Unternehmens sein. Und wenn wir uns selbst bewusst in einen solchen Vorgang hineinbegeben, uns mit uns selbst in wechselnden Konstellationen vergleichen, gelangen wir zu einem neuen Verständnis des "Erkenne dich selbst". Das hat mit Lebenskunst zu tun. Das Gleiche in wechselnden Konstellationen mit sich selber zu vergleichen, ist eine aparte Form der Erkenntnis. Ein zweiter allgemeiner Effekt der Soziologischen Transfermatik ist der Gewinn an Humanismus. Der Humanismus ist schon mit der inhaltlichen Orientierung der allgemeinen Methode, mit der Zielsetzung aller Transfermation gegeben. Er folgt aber auch aus dem Vorgang des Übertragens selbst, denn dieser Vorgang ist das genaue Gegenteil von Unbeweglichkeit, Erstarrung und Verkrustung, von Voreingenommenheit, falscher Konvention, falscher Pietät und falscher Distanziertheit, von Tabuierung und Intoleranz und starrsinnigem Unvereinbarkeitsdenken. Die mit diesen Erscheinungen verbundenen Verluste sind ungeheuer. Vor dem Richterstuhl der Soziologischen Transfermatik hat nichts Bestand. Die ST zielt nicht allein auf die bloße Übertragung bestimmter Formen aus einem Gebiet in ein anderes, sondern auf die Verwandlung aller Gebiete zum Zwecke der Humanisierung in den vielfältigsten Formen. Sie besitzt die gedankliche und moralische neue Freiheit, die nötig ist, um neue soziale Verbindungen zu denken und herzustellen. Damit ist sie auch Motor und Methode der sozialen Fantasie. Die soziale Fantasie ist die Fantasie des Humanismus. (All das gilt auch für den Bereich der Technik. Die Übertragungen aus dem Bereich der Soziologie in den der Technik haben primär nicht technische, sondern humane Zwecke. Statt, ihn zu ihrem Anhängsel muss die Technik den Menschen menschlicher machen. Nicht nur ihre Effekte, auch der Umgang mit ihr muss humanisieren. Dem dient die ST.) Kreativität als weiterer Effekt der ST versteht sich nach dem eben Festgestellten von selbst. Trotzdem soll sie ausdrücklich angeführt werden, um von ihr zu sagen, dass sie in der Soziologischen Transfermatik eine hervorragende Schule findet. Die ST stellt ständig neue, ungewöhnliche Verbindungen und Vergleiche her, die kreatives Denken und Handeln zur Voraussetzung und zur Folge haben, sodass eine Eigendynamik der Kreativität entsteht. Eine Spezialität der bei der Soziologischen Transfermatik in die Schule gegangenen Kreativität ist das Wechselspiel von Logik und Fantasie.

Voraussetzung und Folgen der Soziologischen Transfermatik

Die ST verbindet sehr unterschiedliche Gebiete bzw. Bereiche durch sehr unterschiedliche Übertragungen miteinander. Das fordert die jeweils zuständigen Wissenschaften auf neue Art heraus, wenn es nicht neue Wissenschaften herausfordert. Um der Transfermation dienen zu können, müssen sich die geforderten Wissenschaften neu bestimmen, insbesondere die traditionelle Soziologie. Aber auch die Ethik, die Ästhetik u. a. bedürfen der Neubestimmung. Die Soziologische Transfermatik stellt aber nicht nur andere Wissenschaften in ihren Dienst, sie stellt sich auch in den Dienst anderer Wissenschaften. Die ihr eigene Art des Übertragens und Vergleichens, die dazu erforderliche Methodologie und die daraus entspringenden Effekte haben generellen, für alle Wissenschaften verbindlichen Wert. Alle Erscheinungen der gesellschaftlichen Wirklichkeit erfahren in ihrer Geschichte Phasen der Trennung und Phasen der Annäherung, der Spezialisierung und der Identifizierung. Auch die Wissenschaften sind in ihrer Geschichte diesem dialektischen Prozess unterworfen. Und immer hat es Wissenschaften gegeben, die eine "mittlere" Rolle gespielt, die dem Trennen oder dem Verbinden gedient haben, wie die Philosophie, die Mathematik, die Logik oder die Kybernetik. Es ist zu vermuten, dass auch die Soziologische Transfermatik eine derartige Rolle spielen wird. Zugleich wird sich die ST in Spezialdisziplinen unterteilen, beispielsweise in die Sozionik (für die Transfermationen aus technischen oder in technische Bereiche zuständig) oder in eine selbstständige Methodologie, um das transfermatische Denken als allen Wissenschaften Gemeinsames handhabbar zu machen, ebenso als Unterrichtsfach in der Schule (mit den entsprechenden Lehrmitteln) und auch im gesellschaftlichen und persönlichen Alltag. Damit wäre auch eine entscheidende Voraussetzung für das gesellschaftliche Experiment gegeben. (Das Unterlassen gesellschaftlicher Experimente ist einer modernen Zivilisation nicht gemäß, es bedeutet einen ökonomischen und vor allem menschlichen Verlust.) Die Soziologische Transfermatik ist eine sehr moderne Wissenschaft, allein schon durch ihr kommunikatives Wesen, durch ihre universelle Dienstleistungseigenschaft. Sie hebt ein unerschöpfliches Vermögen aus dem Stande des Unbewussten und bringt es in Umlauf. Es gibt keine Ökonomie und keine Politik, keine Ethik und keine Wissenschaft, keine Kunst und keine profane Tätigkeit, keine alltägliche Praxis und keine globale Theorie, die nicht einen relevanten Nutzen von der Soziologischen Transfermatik hätte. Daher die Wichtigkeit dieser Wissenschaft und auch die Schwierigkeit - des ersten Versuchs ihrer Vorstellung. Es ist nicht nötig, auseinanderzusetzen, dass die eigentliche Nutzung der Soziologischen Transfermatik erst in einer freien, bewusst gestalteten Gesellschaft möglich wird. Während das Privateigentum an den Produktionsmitteln das Privatinteresse, den privaten Egoismus produziert, ist das Gemeineigentum die Voraussetzung des uneingeschränkten Austauschs der jeweiligen Potenzen. Die Entwicklung der Produktionsinstrumente, der Produktionstechniken, der Arbeitsproduktivität des Menschen bewirkt an sich nur die traditionelle, konventionelle Steigerung der Arbeitsproduktivität. Der Austausch, die Übertragung der verschiedenen Arbeitsproduktivitäten, die wirkliche allseitige Vergesellschaftung der Produktion hingegen ist dem Kommunismus eigen. Eine Transfermationsbörse ist selbstverständlich unerlässliche Bedingung. Jetzt erhöht die ST die ökonomische und gesellschaftliche Produktivität um ein Vielfaches. Die soziologische Transfermation setzt gesellschaftliche Fantasie voraus und hat gesellschaftliche Fantasie zur Folge. Sie hebt die Vergesellschaftung des Menschen auf eine höhere Stufe. Diese Produktion ist die absolute ökonomische und menschliche Überlegenheit über den Kapitalismus.

Die Weltparodie

Die Parodie reicht von der freundlichen, liebevollen über die kritische bis zur generellen, absoluten, bis zur prinzipiellen Parodie. Die liebevolle ist zum Beispiel die des Sachsenliedes, als Beispiel für die kritische steht Brechts Aturo Ui oder Herr Puntila. Die absolute Parodie ist die, wo nicht ein einzelnes Objekt, eine einzelne Person oder dergleichen parodiert wird, sondern die Welt als ganze. Diese Parodie bezeichne ich als Weltparodie. Die Weltparodie ist der poetische Abschied von der Vorgeschichte der Menschheit, insbesondere von der Klassengesellschaft. Poetischer Abschied ist nicht als schöner Abschied zu verstehen, sondern als Abschied mittels der Kunst im Unterschied zum theoretischen Abschied mittels der Wissenschaft. Der theoretische Abschied ist die Gegenwelt. (Die "Gegenwelt" ist ebenfalls bei mir zu haben.) Weiter zur totalen Parodie als dem poetischen Abschied. Wir kennen die grundlegende Entwicklung der Menschheitsgeschichte, die Entwicklung von der Urgesellschaft, den Naturvölkern also über die Klassengesellschaft bis zur klassenlosen Zukunft. Dieser gesetzmäßigen Entwicklung entspricht eine andere gesetzmäßige Entwicklung. Und die ist von hohem Interesse, aber von unglaublicher Ignoranz. Das ist die Heiterkeit als Grundstimmung der Naturvölker über die Heiterkeit als Grundsehnsucht in der Klassengesellschaft zur Heiterkeit als Grundhaltung in der klassenlosen Zukunft. Diese Entwicklung der Heiterkeit von der Grundstimmung über die Grundsehnsucht zur Grundhaltung folgt dem Gesetz der Negation der Negation und ist ein Charakteristikum des menschlichen Wesens. Robert Stevenson, als Autor der "Schatzinsel" bekannt, hat das Aussterben der Südseeinsulaner seinerzeit daraus erklärt, dass ihnen die Heiterkeit verboten wurde. Durch die Missionare und die Kolonisatoren. Ohne Heiterkeit war diesen Menschen das Leben nicht mehr lebenswert. Heiterkeit oder Tod, Stevenson hat das überzeugend nachgewiesen. Es ist ein schwerwiegender Mangel des Marxismus, dass er die Naturvölker nicht wirklich in die Menschheitsgeschichte, in deren Möglichkeiten eingebunden hat. Der Ernst ist die Wesensart des mit sich selber uneins gewordenen Menschen, des in zwei Hälften, in Klassen gespaltenen Menschen. Wo die Heiterkeit zur Grundsehnsucht verkehrt, an ihre Stelle die Verernstung getreten ist. Hier erleben wir ein Absterben der Menschlichkeit. Fridtjof Nansen hat diese Menschlichkeit beeindruckend geschildert. Das Schlimme ist, dass dieses Absterben unbewusst geschieht. Und schließlich haben wir die Heiterkeit der klassenlosen Gesellschaft, wo die Heiterkeit nicht nur Folge, wie bei Naturvölkern, sondern Voraussetzung des gesellschaftlichen Lebens ist. Und die Vorahmung dieser Heiterkeit ist Voraussetzung der Weltparodie, des poetischen Abschieds von dieser Welt. Die Erkenntnis, die Bewusstheit dieses historischen Vorgangs, das Bewusstwerden hat mehrere Stufen, die höchste ist die Theorie und Methode der Heiteren Verstellung, speziell die Heitere Verstellung in der Kunst, in der Literatur. Die Heitere Verstellung ist Organ, Instrument gewordene historische Vorahmung. Die Heitere Verstellung ist 1. höchstmögliche Position der Darstellung und 2. verstellt sie heiter. Und die Kritik, wenn sie von dieser Position der Heiterkeit ausgeht, ist keine systemimmanente Kritik, keine brave Kritik, wie die unserer Kabarettisten, von Dieter Hildebrandt bis zur Distel, sondern systemverneinende, systemsprengende Kritik. Sie ist unbotmäßige Heiterkeit. Während bei Brecht die politische Aufklärung erster Zweck ist, bezweckt die Methode der Heiteren Verstellung mehr die Vermittlung der unbotmäßigen Heiterkeit. Das ist die historisch höhere Zwecksetzung. Die unbotmäßige Heiterkeit kommt von außen. Eine Parallele: Die sogenannte Wiener Schule, eine Schulrichtung der Mathematik um Neunzehnhundert herum, hat die Erkenntnis geliefert, dass man ein mathematisches System nur vom nächsthöheren System aus abschließen kann, d. h. die Tür kann nur von außen geschlossen werden. Das gilt nicht nur für die Mathematik, das gilt für alle Erkenntnisprozesse. Und das gilt auch für die Entwicklung der Gesellschaftsordnungen. Das hat z. B. Lenin nicht begriffen. Wer überhaupt hat das? Und es gilt auch für die Heiterkeit. Die Weltparodie macht die Tür von außen zu. Sie nimmt Abschied von der Welt des Ernstes. Von der poetischen Verelendung des Menschen. Heute leben wir in der Zeit des Überganges von der Welt des Ernstes zur Welt der Heiterkeit. Von der Welt des wirklichen Ernstes zur möglichen Vorahmung einer heiteren Welt. Das ist der interessanteste Punkt der menschlichen Geschichte, aber auch der blödeste. Es ist die Kulmination von schlimmer Wirklichkeit und schöner Möglichkeit. Aber viele Menschen glauben nicht an die Möglichkeit. Es ist ihnen peinlich. Dieser Unglaube, dieser historische Provinzialismus ist nicht neu. (Siehe Mark Aurel: Nur die Schauspieler haben gewechselt. Die Stücke sind die gleichen geblieben). Neu ist nur die eitle Besserwisserei. Alles mit einem Wort: Von der Position der unbotmäßigen Heiterkeit ausgehend wird die Literatur zur Weltparodie. Weltparodie aber ist der poetische Abschied von dieser Welt. Der Reichtum der Methode der Heiteren Verstellung ist unerschöpflich: unter anderem befähigt sie uns, lachend zu sagen, dass es zum Heulen ist.

Darauf einen Nepomuk

„Wenn man mich später einmal liest“, sagte Nepomuk allen Ernstes, „bekommt man ein ganz falsches Bild von unserer Zeit. Man wird denken, wir hätten viel gelacht.“

Das vermischte Feuilleton

Von einem Manne, der sich zu Tode lachte, nachdem er sein Testament gemacht hatte.

Nur wenige verstehen es, lachend zu sterben. Aber nur einem Manne ist es meines Wissens bisher gelungen, unter Gelächter begraben zu werden. Dass es in einem in den südfranzösischen Weinbergen gelegenen Dorfe geschah, mag jedoch manches erklären. Dieser seltsame Kauz nun - oder sollte man ihn einen seltenen Weisen nennen? - hatte nämlich ein Testament aufgesetzt, das in seiner Art wohl einmalig genannt werden darf. Sein Leben lang ein wahrer Till Eulenspiegel, dachte er auch an ein Begräbnis, das seiner würdig sein sollte. So bestimmte er, dass sein gesamtes Vermögen demjenigen zufallen sollte, dem es gelänge, die Trauergemeinde zum Lachen zu bringen, denn er wolle bei seinem Begräbnis keine traurigen Gesichter um sich sehen. Von seiner lebhaften Vorstellungskraft gepeinigt, brach er, kaum dass er das letzte Wort des Testaments niedergeschrieben hatte, in ein unbändiges Lachen aus. Der Gedanke an sein eigenes Begräbnis brachte ihn förmlich um. Sein vom Alter geschwächter Körper wurde von immer neuen Ausbrüchen, eines nicht enden wollenden Gelächters hin und her geworfen, bis ihn schließlich das Leben verließ. Als der gewaltige Trauerzug - die merkwürdige Klausel des Testaments hatte viele Menschen angelockt - sich in Bewegung setzte, begann bereits der eine und andere, seinen Nebenleuten die Lachmuskeln zu kitzeln. Da jedoch keiner dem anderen das Erbe gönnte, blieb zunächst jeder Erfolg aus. Nun dachte dieser und jener, euch werde ich schon kriegen, das wäre ja zum Lachen. Und er holte aus seinem Gedächtnis heraus, was er nur jemals an Belachenswertem erlebt oder erhört hatte. Noch immer vergebens. Aber an Aufgeben dachte keiner, das Erbe lockte. Man musste es nur richtig anfangen. Wohlüberlegte Witze, die man fürs Erste noch zurückgehalten hatte, wurden zum Besten gegeben. Und jetzt schien es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis das erste Lachen ausbrach. Einige zeigten schon unverkennbare Wirkung: Von zurückgehaltenem Lachen schmerzhaft verzogene Gesichter waren zu sehen, und je näher der Trauerzug dem Friedhofe kam, desto größer wurde die Zahl derer, die mit verkrümmtem Körper und verzerrtem Gesicht dahinschritten, und endlich hatte der ganze Trauerzug dieses Aussehen erhalten. Bald wussten sich die Leute anders zu helfen, als durch dauerndes Erzählen von Witzen sich davor zu bewahren, die Witze ihres Nachbarn auf sich wirken zu lassen, sodass der Zug das merkwürdige Geräusch eines ununterbrochenen und vielstimmigen Gemurmels hervorbrachte. Ein entfernt Stehender konnte dieses Geräusch in Verbindung mit den schmerzverkrümmten Gestalten nur für inbrünstige Litaneien einer von tiefer Trauer gebeugten Gemeinde ansehen. Wäre er jedoch näher getreten, es hätte ihm die Sprache verschlagen, denn inzwischen waren die Trauernden bei den Witzen von der übelsten Sorte angelangt. Keiner legte sich mehr irgendwelchen Zwang auf; man kämpfte verzweifelt, versuchte die anderen zu überschreien, schnitt die unverschämtesten Grimassen und hielt zugleich die immer wieder aufkommende Lachlust, die sich wegen ihrer widernatürlichen Unterdrückung inzwischen in eine erbitterte Lachwut gesteigert hatte, verbissen zurück. Endlich hatte der Trauerzug den Friedhof erreicht. Der Sarg wurde vor der ausgeworfenen Grube niedergesetzt, und der Pfarrer begann mit seiner Predigt. Da ihm aber das Testament nicht unbekannt geblieben und keiner aus der Zahl der Bewerber um das Erbe ausgeschlossen war, trug auch er sich mit der heimlichen Absicht, den Sieg davonzutragen. Zunächst ließ er nur einige harmlose Späße in die Predigt einfließen. Als diese nicht verfingen, erzählte er einige Anzüglichkeiten aus dem alten Testament. Die Trauergemeinde hörte interessiert zu, war jedoch noch mühelos in der Lage, das Lachen zu unterdrücken. Der Diener Gottes geriet in Rage und schmetterte seinen Zuhörern jetzt die deftigsten Witze entgegen, die er sonst nicht einmal in der intimsten Stammtischrunde zu erzählen gewagt hätte. Die Trauergäste fingen wieder an, sich zu krümmen, aber kein Laut kam über ihre Lippen. Der Gottesmann kam außer sich, die Erfolglosigkeit seiner Anstrengungen ließ ihn jeden Witz vergessen, und mit donnernder Stimme schleuderte er der Trauergemeinde die schrecklichsten Verwünschungen entgegen. Jetzt, wo er ein Erreichen des Zieles schon aufgegeben hatte, wäre es ihm fast gelungen, das entscheidende Gelächter auszulösen. Das die grimmigsten Flüche ausstoßende Gesicht des sonst so gottesgefälligen Mannes bot eine solche Komik, dass selbst ein wirklich in tiefste Trauer versenkter Mensch all sein Leid vergessen und ein unbändiges Gelächter angestimmt hätte. Die Zuhörerschaft des Pfarrers hatte sich jedoch mühsam wieder gefasst und lauschte seinen Donnerworten mit der ernsthaftesten Miene. Dabei traten den so mörderisch Gepeinigten vor zurückgehaltenem Lachen schier die Augen aus den Höhlen. Als der Pfarrer, befreit von der Absicht, die anderen zum Lachen zu bringen, mit nüchternem Blick die ihn mit hervorquellenden Augen anstarrenden Trauergäste gewahr wurde, kam ihm ein ganz eigenes Gefühl an. Und plötzlich lachte er wie verrückt los. Das tollste Gelächter, das je gesehen oder gehört wurde, schüttelte ihn durch und durch. Vor Lachen haltlos geworden, taumelte er hin und her und stürzte schließlich in die ausgehobene Grube. Jetzt war es auch um die Trauergemeinde geschehen. Ein schreckliches Gelächter brach los. Die Menschen schlugen sich gegenseitig in die Seite, hieben sich auf die Schultern, stießen sich gegen die Brust, lachten wie die Tollen, und bald wälzte sich die gesamte Trauergemeinde auf dem Friedhof. Einige fielen zu dem Pfarrer in die Grube, andere rollten gegen Grabsteine, wieder andere blieben still auf dem Rücken liegen, und nur ihre Bäuche zuckten seltsam. Erst nach geraumer Zeit raffte man sich wieder auf. Einer nach dem anderen ordnete seine Kleider, befreite sich vom Schmutz und half dem Pfarrer und den übrigen in die Grube gefallenen heraus, um an ihrer Statt den Sarg hineinzusenken. All das geschah unter ständigem Gelächter, das, waren die Kräfte auch erschöpft, nur langsam abebben wollte. Nach Vollzug der letzten Feierlichkeiten machte sich der Zug auf den Rückweg. Witze wurden nicht mehr erzählt, denn alle hatten den Schluckauf, und ein entfernt Stehender hätte meinen können, die zurückflutende Trauergemeinde wäre in Gedanken an den Dahingegangenen von einem allgemeinen Schluchzen ergriffen. Das Erbe aber kam allen zugute, denn schließlich war es die Trauergemeinde in ihrer Gesamtheit, die den Pfarrer und dieser wiederum, der die Gemeinde zum Lachen gebracht hatte.

Ankündigung

Gerhard Branstner hat das Buch "Marxismus heute" verfasst. Dieses Buch enthält auf 130 Seiten mehr Welt als jedes andere Buch, ob es die Bibel ist oder ein Buch von Marx. Branstners Devise: Die konsequenteste Kritik des Marxismus ist seine Fortsetzung, hat vielfältige Folgen. Er setzt den Marxismus nicht nur fort 1. in der Qualität (sein Gegenstand ist nicht das Kapital, sondern der Mensch, und der ist reicher und lebt länger als das Kapital; 2. in der historischen Kausalität (sein Hebel der geschichtlichen Entwicklung ist kein ökonomischer, der Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, sondern ein natürlicher, der Widerspruch zwischen Mensch und Natur; 3. in der Erweiterung (er reduziert sich nicht wie Marx auf die Konfrontation mit der Klassengesellschaft, sondern schließt die Welt der Naturvölker und der klassenlosen Gesellschaft der Zukunft in voller Bedeutung in die menschliche Entwicklung ein); er setzte den Marxismus fort, indem er 4. durch seine überlegene Sprachkraft auf wenig Raum mehr sagt und verständlicher ist als Marx. Sobald, wann und wo des Erscheinens des Buches feststeht, geben wir Bescheid.

Hier die PDF-Fassung dieser Ausgabe Nr. 4 der Internetzeitschrift „Die Hornisse“:

Gerhard Branstner: Die Hornisse Nr. 4.
Philosophische Streitschrift: Die führende Theorie des wirklichen Sozialismus,  September 2005.


9. Schiedsverfahren ... 24. Juni 2000 (Quelle: http://archiv2007.sozialisten.de/partei/strukturen/bundesschiedskommission/beschluesse/view_html?&n=24&bs=21&zid=1599)

[Der dieses Ausschlussverfahren auslösende Artikel in der 'jungen Welt' von G. Branstner findet sich als letztes PDF - Nr. 24 - im oberen Teil dieser Zusammenstellung.]

Schiedsverfahren „Ausschlussantrag gegen Genossen Gerhard Branstner“
Beschluss der Bundesschiedskommission vom 24. Juni 2000:
In der mündlichen Verhandlung am 24. Juni 2000 in der Berufung des Genossen Gerhard Branstner gegen die Entscheidung der Landesschiedskommission (LSK) der PDS Berlin vom 29. April 2000 im Schiedsverfahren "Ausschlussantrag gegen Genossen Gerhard Branstner" erging folgender Beschluss:
Der Antrag des Genossen Michael Brie auf Ausschluss des Genossen Branstner aus der PDS wird abgewiesen.
Der Berufung des Genossen Branstner gegen den Beschluss der LSK Berlin vom 29. April 2000 über seinen Ausschluss aus der PDS wird stattgegeben. Der Beschluss der LSK Berlin über den Ausschluss des Genossen Branstner ist damit aufgehoben.
Vier Mitglieder der Bundesschiedskommission sprachen sich für die Annahme des Ausschlussantrages aus, vier stimmten für Ablehnung des Antrages, und zwei Mitglieder enthielten sich der Stimme. Damit wurde die erforderliche Mehrheit der Mitglieder der Schiedskommission für den Ausschlussantrag nicht erreicht.

Begründung:
1. Der Antragsteller sieht in den vom Genossen Branstner in einem Zeitungsartikel formulierten beleidigenden und denunzierenden Äußerungen einen groben Verstoß gegen das Gebot der Toleranz, wie es im Statut im Abschnitt 3.(2) verankert ist. "In der geistigen Auseinandersetzung verlangt das Toleranzprinzip", so Michael Brie, "(1) die Achtung der Ehre und Würde desjenigen, der die abgelehnte Position vertritt, und (2) die praktizierte Bereitschaft, die eigene wie die fremde Position gleichermaßen sachlicher Argumentation zu unterwerfen". Die Überhäufung des Debattengegners mit Beschimpfungen, Unterstellungen und Beleidigungen habe nichts mit Pluralismus im Streit zu tun, sondern stelle im Gegenteil in der Konsequenz eine grobe Gefährdung des Pluralismus dar. Die Respektierung der Meinung des Andersdenkenden sei eine unerlässliche Grundbedingung einer demokratischen Meinungsbildung in der PDS. "Toleranz bedarf des Schutzes vor jenen, die mit Verweis auf Pluralität anderen intolerant begegnen und das Toleranzprinzip böswillig und dauerhaft verletzen und damit direkt die Pluralität bedrohen." Der Antragsteller sehe es deshalb als dringend geboten an, dass durch die Schiedskommission festgestellt wird, dass ein derartiger denunziatorischer und beleidigender Stil, wie ihn Genosse Branstner in dem in Rede stehenden Zeitungsartikel praktizierte, mit dem Statut der PDS nicht vereinbar ist. Mit dem Ausschluss, der einzigen Ordnungsmaßnahme gegen Mitglieder, solle eindeutig klargestellt werden, dass Herabwürdigung, Denunziation und Beleidigung als Mittel der politischen Auseinandersetzung in der PDS nicht geduldet würden.
Der Antragsteller erklärte, dass er den Ausschlussantrag zurückziehen würde, wenn der Genosse Branstner deutlich erklären würde, dass auch er einen solchen Stil der Auseinandersetzung für inakzeptabel betrachte.

2. Der Antragsgegner erklärte, dass er in seinem Artikel bewusst einen "groben und unflätigen" Stil gewählt habe. Dieser sei notwendig gewesen, weil auf all seine zuvor sachlich vorgebrachten Beiträge zur PDS-Diskussion niemand, insbesondere auch nicht die PDS-Führung, es für nötig befunden hätte, zu reagieren. In der PDS dominiere eine Ignoranz gegenüber seinen konsequent marxistischen Positionen, die die lebensnotwendige politische Auseinandersetzung ersticke und einen Fäulnisprozess der PDS erzeuge, der bereits weit fortgeschritten sei. Um diese Ignoranz zu brechen, bedurfte es der Provokation.
Genosse Branstner erklärte weiterhin, dass der grobe, unflätige Stil in jenem Artikel und auch anderswo notwendig und gerechtfertigt sei, weil es darum ginge, Dummheit, Heuchelei, Täuschung, Vetternwirtschaft etc. in der PDS rücksichtslos zu enttarnen und anzugreifen. Hier müsse man "Klartext" sprechen. Dies habe er ja bereits im Titel des Artikels deutlich gemacht. Dabei ginge es ihm gar nicht in erster Linie um Gysi, den er durchaus schätze, sondern um den "charakterlosen und karrieresüchtigen Führungsstil" der PDS.
Das eingeleitete Schiedsverfahren betrachtete Branstner als "Luftnummer". Diejenigen, welche so ein absurdes Ausschlussverfahren gegen ihn durchführten, erwiesen sich als "subalterne Gesinnungsknechte der Parteiführung". Was der Antragsteller gegen ihn vorgebracht habe, sei der "Angstschweiß eines reformistischen Opportunisten", der sich bei Gysi und Co. beliebt machen wolle. Die große Masse der Mitgliedschaft sei über seinen Ausschluss empört. Für seinen Ausschluss seien nur einige wenige "Irrenhäusler".
Genosse Branstner beantragte nicht die Abweisung des Ausschlussantrages, sondern er forderte die Mitglieder der Bundesschiedskommission auf, sich zu entscheiden, auf welcher Seite sie stehen wollten.

Begründung des Beschlusses der Bundesschiedskommission:
a) Die BSK ist einmütig zu der Auffassung gelangt, dass der im Zeitungsartikel "Klartext, Herr Genosse Gysi" [dieser hier zur Kritik stehende Artikel findet sich als letztes PDF - Nr. 24 - im oberen Teil dieser Zusammenstellung] sowie in seiner schriftlichen wie mündlichen Stellungnahme vor der Schiedskommission praktizierte herabwürdigende und beleidigende Stil der Polemik nicht mit den im Statut formulierten Anforderungen an ein PDS-Mitglied vereinbar ist. Seine ausfällige und von ihm selbst als unflätig charakterisierte Sprache und der durch sie transportierte Geist der politischen Debatte stellen einen eindeutigen Verstoß gegen das Statut dar. Im Abschnitt 3.(2) heißt es: "Von jedem Parteimitglied wird erwartet, dass es sich den Zielen und Grundsätzen der Partei entsprechend innerhalb und außerhalb der Partei solidarisch und tolerant verhält." Die BSK stellt hier ausdrücklich fest, dass derartige denunziatorische und herabwürdigende verbale Ausfälle auch gegen den politischen Gegner inakzeptabel sind und im Widerspruch zum Parteistatut und zu dem von der PDS stets geforderten Charakter der politischen Auseinandersetzung in der Gesellschaft stehen. Nicht zugespitzte Polemik, nicht scharfe Worte in der politischen Auseinandersetzung innerhalb wie außerhalb der Partei beanstandet die Schiedskommission bei Branstner, sondern Herabwürdigung, Beleidigung, Denunziation in Wortwahl und im Geist seiner verbalen Attacken. Es hat nichts mit polemischer Schärfe oder satirischer Überhöhung zu tun, wenn man dem politischen Kontrahenten unlautere Motive, die Verschleierung ihrer wahren Absichten, Lüge und Täuschung unterstellt.
b) Die Bundesschiedskommission kommt mehrheitlich zu der Auffassung, dass ein schwerer Schaden für die PDS durch das Handeln des Genossen Branstner eingetreten ist. Der Schaden besteht:
1. in den Folgen der öffentlichen Herabwürdigung und Beleidigung von Genossen. Die politische Glaubwürdigkeit der so angegriffenen Genossen wird infrage gestellt, ihnen bzw. ihrem politischen Wirken werden unlautere Motive und die Verschleierung ihrer wahrhaften Ziele unterstellt. Dadurch, dass die Attacke aus den eigenen Reihen kommt, wird ihr in der öffentlichen Meinung aufgrund vermeintlicher Innenkenntnisse größere Aufmerksamkeit und Glaubwürdigkeit zugestanden.
2. Schaden entstand auch deshalb, weil in der Öffentlichkeit der Eindruck kolportiert werden konnte und kann, dass die PDS nicht nur für ihre innere Auseinandersetzung einen solchen "unflätigen" Stil pflegt, sondern auch generell für die gesellschaftliche Auseinandersetzung die Beleidigung und Denunziation Andersdenkender für ein adäquates Mittel der Politik betrachtet. Das ist nicht nur angesichts der Herkunft der PDS von fataler Wirkung. Die politische Wirksamkeit nicht nur Einzelner, sondern der gesamten Partei wird dabei schwer geschädigt.
c) Damit erachtet die Mehrheit der Bundesschiedskommission die Voraussetzungen eines Parteiausschlusses des Genossen Branstner für gegeben. Die Schiedskommission prüfte daraufhin, ob der Parteiausschluss als Ordnungsmaßnahme auch zwingend geboten sei, um die politische Wirksamkeit, die politische Identität und Integrität der Partei wiederherzustellen oder zu wahren.

Bei dieser Prüfung war zu beachten, dass der Parteiausschluss keine Strafe für statutenwidriges Verhalten ist. Als Ordnungsmaßnahme soll er ein Instrument sein, um die politische Handlungsfähigkeit und Identität der Partei zu sichern. Der Parteiausschluss darf auch nicht als Exempel mit generalpräventiver (abschreckender) oder spezialpräventiver (erzieherischer) Funktion gebraucht werden.
Obgleich der Genosse Branstner in der mündlichen Verhandlung keinen Zweifel daran gelassen hat, dass er wieder in derart unflätiger Weise politische Kontrahenten beschimpfen werde, wenn er es für angebracht hält;
obgleich
Genosse Branstner darüber hinaus Unkenntnis und Unverständnis für wesentliche Grundsätze des Parteistatuts und des Politikverständnisses der PDS demonstrierte;
obgleich er sich nicht gewillt zeigte, den Ergebnissen der demokratischen Willensbildung und demokratischer Wahlen in der PDS den statutengemäßen Respekt zu erweisen;
blieb die Bundesschiedskommission trotz alledem hinsichtlich der Frage, ob sein Ausschluss aus der Partei zwingend geboten ist, um die politische Handlungsfähigkeit und Wirksamkeit der Partei zu sichern, im wahrsten Sinne des Wortes unentschieden.

Gegen einen Parteiausschluss des Genossen Branstner sprach für einige Mitglieder der Bundesschiedskommission, dass trotz der unstreitig erfüllten Voraussetzungen (Statutenverstoß und Schaden) zur Sicherung einer demokratischen und pluralistischen Streitkultur in der Partei und der Partei nach außen, der Ausschluss des Genossen Branstner nicht zwingend geboten ist. Dies wäre zum einen eine unangemessene, ja maßlose Überschätzung seiner Bedeutung für die PDS-Debatte. Ein Einzelner vermag wohl kaum die Parteidebatte zu ruinieren. Selbst diejenigen Genossen, die ähnliche Kritikpunkte wie Gerhard Branstner gegen die Mehrheitsmeinungen in der PDS vorbringen, lehnten seinen "unflätigen", beleidigenden und denunziatorischen Stil ab.
Dies verdeutlichte auch die Stellungnahme seiner eigenen Basisorganisation, die deren Vertreter in der mündlichen Verhandlung vortrug. Die BO verurteilt den Branstner-Artikel als "missratenes Pamphlet", nicht nur wegen der "persönlichkeitsverletzenden Verbalinjurien", sondern auch wegen der mit "unterstellerischen Behauptungen" durchsetzten Argumentation. Die Genossen lehnten es ab, diesen Teil als ein Stück politischer Satire zu betrachten. (Siehe Stellungnahme der BO 359, Berlin-Mitte.)
Darüberhinaus sprach für einige Mitglieder der Bundesschiedskommission auch gegen einen Parteiausschluss von Gerhard Branstner, dass die notwendige Unterscheidung zwischen Stil und Geist seiner Argumentation, die einen Ausschluss begründeten, einerseits und den von ihm vertretenen Inhalten andererseits nur schwer in der öffentlichen Auseinandersetzung zu vermitteln wäre. Dadurch bestünde aber die Gefahr, dass ein Ausschluss real gar nicht den Zweck einer Ordnungsmaßnahme erfüllen würde. Im Gegenteil könnten die politische Handlungsfähigkeit und Wirksamkeit der PDS unter Umständen noch zusätzlich behindert und der politische Schaden für die PDS noch vergrößert werden.
Im Gegensatz zu einer Strafe, die verhängt wird, wenn die Tatbestandsmerkmale erfüllt und die Umstände geprüft wurden, ist bei einer Parteiordnungsmaßnahme bei gegebenen Voraussetzungen (vorsätzlicher und erheblicher Statutenbruch und schwerer Schaden) die Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit dieses Ausschlusses für die Wahrung der politischen Handlungsfähigkeit, der politischen Identität und Integrität der Partei zu prüfen.

Die Bundesschiedskommission stellt ferner fest, dass die Landesschiedskommission Berlin das Verfahren ordnungsgemäß durchgeführt hat. Sie weist die ausfallende und unflätige Kritik des Genossen Branstner an der Kommission und am Verfahren entschieden zurück. Diese dokumentiert nicht nur seine mangelnde Achtung vor der Tätigkeit anderer Genossen, sondern ein weitgehendes Unverständnis für die Aufgaben von Schiedskommissionen und Schiedsverfahren. In der Tatsachenfeststellung und Bewertung kommt die Bundesschiedskommission zum gleichen Ergebnis wie die Landesschiedskommission Berlin. Allein hinsichtlich der Abwägung über die Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit des Parteiausschlusses kam im Verfahren der Bundesschiedskommission die erforderliche Mehrheit für den Ausschluss nicht zustande.  


10. Verfahren abgeschlossen, aber nicht zu Ende - Kommentar zum Ausschlussverfahren des PDS-Parteivorstandes gegen Gerhard Branstner (Quelle: http://marxismus-online.eu/debatte/pds/branstner2.html); Autor: Peter Feist, © Philosophischer Salon - Der Verlag - (veraltete Quelle: Kalaschnikow - Das Politmagazin, Ausgabe 16, Heft 3/00, S. 45f.):


Wieso des „Parteivorstandes gegen Branstner“ werden einige fragen?, Michael Brie hat doch den Ausschlussantrag gestellt. Sie fragen dies, um ihre Objektivität zur Schau zu stellen, in Wirklichkeit aber, um das Geschäft der Ausschließer direkt oder indirekt zu besorgen.
Wer das Gebaren der Gruppe um G. Gysi seit 1990 genauer verfolgt hat und gelegentlich mit Indiskretionen aus diesem Machtzirkel versorgt wurde, kann keinen Zweifel haben, dass dieses eine gemeinsame Aktion der Gysi-Fraktion war. Natürlich wird das heftig bestritten werden (und ist schon im Laufe des Verfahrens geleugnet worden), aber niemand wird uns glauben machen können, das ein Mann von Statur M. Bries von alleine auf eine solche Idee kommt und sie dann auch noch allein durchzieht. Ein solch begnadeter ewiger Rückversicherer wie er hat auch diesmal im Auftrag des „Big Brother“ der Partei gehandelt.
Der Stein des Anstoßes war der von G. Branstner geforderte Klartext. Also reden wir Klartext, in manchen vielleicht etwas offener, als es das Parteimitglied Branstner konnte, wobei ich ihm bescheinige, dass ihn bisher niemand in der PDS bei der Klarstellung der ideologischen und politischen Linie der Gysi-Fraktion übertroffen hat. Gerade diese exakte Bloßlegung des ideologischen Verrats der Gysi-Fraktion am (Um-) Gründungskonsens der PDS machte den Fall Branstner für beide Seiten so exemplarisch.
Für die Gysianer war dies der Punkt, von wo aus es endlich möglich wurde, die schwere Niederlage auf dem Parteitag (Nato-Kriegsbeteiligung) in eine Niederlage der noch in der Partei verbliebenen Sozialisten zu verwandeln und zugleich die „Altgläubigen“ wenn nicht rauszudrängen, so doch zumindest zum Schweigen zu bringen. Selbst wenn dies nicht gelingen sollte, so konnte man doch endlich mal testen, wie stark die beiderseitigen Bataillone waren. Und für die Sozialisten in der PDS war das Branstnersche Pamphlet und seine politische Verteidigung die letzte Möglichkeit, nicht nur Flagge zu zeigen, sondern vor allem in der für Sozialisten existenziellen Frage (über die sich in der Geschichte der Arbeiterbewegung die wichtigste Spaltung - Sozialdemokraten/Kommunisten - vollzogen hat), der Beteiligung an einem imperialistischen Krieg, die letzte Widerstandslinie gegen den Reformismus zu errichten.
Sicher wäre es überzogen, den „anstößigen“ Artikel allein als Ursache der dramatischen Parteitagsentscheidung zu sehen, aber er hat die Partei vor dem Kongress in außergewöhnlicher Weise für dieses Thema sensibilisiert und zum Teil gespalten. Weil Branstner die scheinbar unverfängliche Frage der Regierungsbeteiligung mit der Kriegsfrage verbunden hat, traf er den Reformismus in sein bürgerliches Herz.
Nun sind die Gysileute solche Bloßstellungen nicht nur von Branstner, sondern in primitiverer Form, auch von anderen gewöhnt, aber bisher sind solche Attacken ohne Folgen geblieben, nach dem Prinzip: „Die Hunde bellen, aber die Karawane zieht weiter“. Diesmal hat sich aber ein kleiner Hund dermaßen in der Wade des Leitkamels verbissen, dass die Karawane ins Stocken kam und sogar teilweise umkehren musste, um im Bild zu bleiben. Also hieß die Losung „Schlagt den Hund tot“, da man ja die Kamele bei Strafe des eigenen Unterganges nicht bestrafen konnte. Die öffentliche politische Exekution von Branstner war ein Gebot der gysianischen innerparteilichen Machtpolitik. Wer aber dann an eine individuelle Aktion von M. Brie glaubt, unterschätzt den internen Fraktionszwang der Gysi-Gruppe oder ist schlichtweg politisch dämlich.
Was der ganzen Affäre eine tragische Note gab, ist die handelnde Hauptfigur Gysi selbst. Schon mehrfach seit 1990 hatte er immer dann, wenn die Partei seinem Weg nach rechts nicht schnell genug folgen wollte oder konnte, mit seinem Rücktritt gedroht und damit immer seine innerparteilichen Kritiker ausgeschaltet. Denn aus Angst, den Medienstar und „Retter der Partei“ zu verlieren, schluckten die Delegierten verschiedener Abstimmungsveranstaltungen selbst die giftigsten Kröten. Auch diesmal gab es ein sorgfältig vorbereitetes Szenario: Man zwingt der Partei eine von niemanden gewollte Programmdebatte auf, um sich für „die Regierungsbeteiligung fit zu machen“ (in der Hoffnung, das Sozialisten wie Altgläubige sich von diesem Kampf der Theorien ablenken lassen und den weiteren Umbau der PDS zu einer bürgerlichen Partei hinter den programmatischen Phrasen nicht mitbekommen), beschäftigt den Parteitag mit für die Partei in der gegenwärtigen Situation drittrangigen Themen und landet da, wo man hin will, mitten in der bürgerlich-parlamentarischen Ausbeutergesellschaft des vereinten Deutschland. Genau da kommt nun G. B. und denunziert das Ganze, indem er in Klartext das Ziel benennt - den Arsch von G. Schröder. In den man auch noch kriechen will, bevor er ihn hinzuhalten bereit ist.
Vom Erfolgstaumel blind und taub, werden Alarmsignale in der Partei (wie ein Antrag auf dem Brandenburgischen Landesparteitag gegen eine Nato-Kriegsbeteiligung, der für den LV völlig überraschend, eine große Mehrheit bekommt) nicht ernst genommen und die Gysi-Fraktion erleidet in einer bei der Regie nicht vorgesehenen Frage eine schwere Abstimmungsniederlage. Unser tragischer Held Gregor der Eitle verzeiht seinen Schäfchen ihren Ungehorsam nicht und nutzt sein Lieblingserpressungsmittel - er kündigt seinen Rücktritt an.
Vorangegangen sind dem, wenn man den Zeugen glauben kann, stundenlange Tobsuchtsanfälle hinter den Kulissen des Parteitages. Aber die Wirkung bleibt diesmal aus: anstatt ihn reumütig um Verzeihung zu bitten und sein Verbleiben in Amt und Würden unter Preisgabe aller vorherigen Positionen zu erbetteln, nehmen die Delegierten die Sache - zwar verwundert und ein bisschen wehmütig - einfach zur Kenntnis. Nun wird unser Held wirklich tragisch - er, der nach einem gelungenen Parteitag in großer Geste seinen Abschied ankündigen wollte, sieht sich nun mit dem Vorwurf konfrontiert, ein schlechter Verlierer zu sein, der nicht einmal eine Abstimmungsniederlage mannhaft einstecken kann und gleich zurücktritt. Das verlangt natürlich nach Rache, und zwar nach einer exemplarischen. Da kommt G. B. ins böse Spiel und der noch einigermaßen respektierte Michael Brie (weil der im Gegensatz zu seinem Bruder Andre‘ in der Parteiöffentlichkeit nicht als Vorreiter des Rechtskurses verschrien ist) spielt den Beleidigten. Das Ganze macht aber leider großen Skandal: zum einen sind Parteiausschlüsse noch aus SED-Zeiten sehr unbeliebt und diskreditieren den Anzeigenden mehr als den Angezeigten und zum Anderen sehen sich sogar ideologische Gegner von Branstner gezwungen, sich mit ihm zu solidarisieren, nach dem Motto „Wehret den Anfängen“. Das Resultat ist für Gysis Mannen sehr beschämend: nach dem Ausschluss durch die Landesschiedskommission gibt es eine solche breite Solidarität (oft mit dem Hinweis, dass man sich von den kraftvollen Ausdrücken und Benennungen des Branstner als westeuropäischer Kulturmensch selbstverständlich distanziere; als wenn die bürgerliche Wohlanständigkeit jemals eine Rolle in Richtungsdebatten der sozialistischen Bewegung gespielt hätte oder der große Gregor mit seinen politischen Gegnern freundlicher umginge), das der Ausschluss zum parteiinternen Politikum, ja sogar zur Nagelprobe der Entstalinisierung wird.
Obwohl das ND auf höhere Weisung eine veröffentlichte Meinung herzustellen bemüht ist, kann keinem die große Solidarität vor allem der Partei-Intellektuellen und Künstler mit dem Angeklagten verborgen bleiben.
Die Schiedskommissionen machen einen verhängnisvollen Fehler: Sie vermeiden es ängstlich, auf die inhaltlichen Argumente von G. B. einzugehen und wollen nur die formale Seite diskutieren, ein Verfahren, bei dem sich die Solidarität für den Angezeigten in der Partei nur noch erhöht, zumal G. B. keine Möglichkeit auslässt (und dabei von der jungen Welt unterstützt wird, weil das ND sich verweigert) seine Gegner in diesem unwürdigen Verfahren als das dastehen zu lassen, was sie sind, als Hanswurste.
Die Gefahr wird immer größer, dass sich zwischen Parteihierarchie und Mitgliedern ein Spalt auftut. Solidarität und Verfahrensfehler zwingen Brie und Co. zum Rückzug in mehreren Stufen. Schon im Verfahren vor der Landesschiedskommission bietet er G. B. an, alles zurückzunehmen, wenn sich dieser nur entschuldigen würde, für den Beobachter eine peinliche Situation, die der Angeklagte aus Menschlichkeit nicht einmal für sich ausnützt.
Die Bundesschiedskommission gibt in ihrer Urteilsbegründung zwei Dinge unumwunden zu: 1. dass man den Querulanten eigentlich ausschließen müsste und auch genug Gründe dafür hätte (und nicht nur solche des guten Geschmacks) und 2. dass man es nicht kann, mit Rücksicht auf die Stimmung in der Partei. So stimmt sie dann auch ab: vier dafür, vier dagegen, zwei Enthaltungen - ein getreuliches Abbild der innerparteilichen Situation, noch hat der Apparat die Partei nicht soweit im Griff, dass er alles ohne Rücksicht auf die Stimmung in ihr durchziehen kann - noch. Man kann Branstner nur zustimmen, wenn er resümiert: „Die Bundesschiedskommission hat den Ausschluss nun nicht etwa aufgehoben, weil sie den allgemeinen Konsens achtet und politische Vernunft geltend machte, sondern weil sie im Gegenteil den Konsens fürchtete und noch größeren Arger vermeiden wollte“.
Der Krieg gegen den Reformismus ist für die Sozialisten in der PDS längst verloren, auch wenn sie diesmal noch eine kleine Schlacht gewonnen haben. Ohne eine wirkliche politische Revolte der Basis gegen den durch und durch verbürgerlichten Partei- und Abgeordnetenapparat und die Beseitigung des von Gysi und seiner Gruppe in den letzten Jahren über die Partei gestülpten Systems von politischer Macht gekoppelt mit persönlichen Abhängigkeiten, gibt es hier keine Hoffnung mehr auf eine Umkehr. Deshalb scheint mir die Zeit gekommen, in der jeder anständige Sozialist prüfen muss, wie lange er dieser Partei noch die Treue halten kann, sei es als Mitglied oder als Wähler. Diese Frage wird sich auch das Wieder-Mitglied G. Branstner stellen müssen.

11. Widersprüche aushalten - Parteiausschluss gegen Gerhard Branstner als stalinistischer Rückfall der PDS (Quelle: http://marxismus-online.eu/debatte/pds/branstner1.html); Autor: Peter Feist, Berlin (erschienen auch in  der "jungen Welt" vom 2.Mai 2000)

Eigentlich hatte ich nach 1989 gehofft, so etwas nie wieder erleben zu müssen: ein Parteiverfahren, in dem ein Genosse wegen »ideologischer Abweichung« aus einer Partei ausgeschlossen wird. Schon gar nicht hatte ich damit gerechnet, dass so etwas in der PDS, die auf ihrem Gründungsparteitag den Bruch mit dem Stalinismus postuliert hatte, geschehen würde.
Nun hat mich die Geschichte eingeholt. Was ich am Sonnabend im Karl-Liebknecht-Haus als Gast mit ansehen und -hören musste, war ein Parteiverfahren im alten Stil, im Tonfall einzelner Beteiligter einem stalinistischen Schauprozess nicht unähnlich. Nicht nur, weil mein Freund und Genosse Gerhard Branstner mit dem Schreibtischmörder Wyschinski verglichen wurde und sowohl vom Vorsitzenden wie vom Ankläger ständig Krokodilstränen vergossen wurden, weil sie gezwungen seien, so ein unangenehmes Verfahren durchzuführen, sondern vor allem, weil wie in einem echten Schauprozess das Ergebnis von Anfang an feststand. Ich höre sie schon schreien: Verleumdung! Aber wie soll man eine Landesschiedskommission bewerten, die schon im Eröffnungsbeschluss, ohne dem Angeklagten die Möglichkeit zu geben, sich zur Sache zu äußern, feststellt, der Ausschlussantrag sei zulässig und begründet?
Was soll man vom Vorsitzenden einer solchen Kommission halten, der sich, als G. Branstner wegen des vorverurteilenden Eröffnungsbeschlusses die Kommissionsmitglieder alle für befangen erklärt, weigert, den Befangenheitsantrag (wegen Verletzung von Formvorschriften, die G. Branstner nicht kennen konnte, weil sie ihm nicht zugestellt worden waren) zu Protokoll zu nehmen? All diese Umstände waren schon merkwürdig genug, aber es sollte noch schlimmer kommen.
Ich erinnere mich noch gut: Als die SED-Führung ab Mitte der achtziger Jahre Probleme mit einigen meiner Auffassungen bekam, hörte ich mehrfach in offiziellen Verfahren wie in internen Gesprächen den Vorschlag, wenn ich so große Probleme mit der Politik der Parteiführung hätte, dann könnte ich doch aus der Partei austreten, das wäre doch für alle das Beste. Der Vorsitzende der Landesschiedskommission hatte eine besondere Variante dieses Vorschlages zu bieten. Er fragte Genossen Branstner mehrmals ernsthaft, warum er denn nicht schon längst einen Ausschlussantrag gegen Gregor Gysi gestellt hätte, wenn er so viel an ihm zu kritisieren habe.
»Was ich selber denk und tu, trau ich auch dem anderen zu«, sagte meine Großmutter in solchen Situationen. Ein gelernter Stalinist bleibt offensichtlich in den meisten Fällen einer, ihm fällt nichts anderes ein, als einen politischen Streit durch Ausgrenzung, Ausschluss oder Abschluss der Debatte zu führen. Dass es Branstner gerade darum ging, die vorhandenen Widersprüche und Differenzen in der PDS sichtbar zu machen und die strittigen Fragen offen zu diskutieren, dies war der Kommission besonders suspekt. Eigentümlich war auch, dass niemand zur Kenntnis nehmen wollte, dass der von Branstner angegriffene Gysi gerade in der von Branstner in den Mittelpunkt gestellten Frage NATO-Kriege auf dem Parteitag eine herbe Niederlage einstecken musste, die gerade die Berechtigung der Kritik deutlich gemacht hatte. Oder war das der eigentliche Grund für das Parteiausschlussverfahren und die mehr als parteiische Haltung der Kommission?
Noch ein Wort zum Ankläger: Da gelingt es einem deutschen Philosophieprofessor, über den kulturellen Fortschritt in Sachen Toleranzprinzip seit 1789 zu sprechen und dieses für die PDS einzufordern, genau in dem Augenblick, in dem er ein Parteiausschlussverfahren, das er selbst beantragt hat, begründen will.
Ist das nun Satire oder Schizophrenie? Mich verbindet mit Michael Brie aus DDR-Zeiten so manches, unter anderem, dass ich einmal kurze Zeit sein Student war, aber noch mehr, dass wir einen gemeinsamen philosophischen Lehrer hatten. Dieser Lehrer, Gottfried Stiehler, hat uns einen wichtigen dialektischen und politischen Grundsatz immer wieder zu vermitteln versucht: Wer den Widerspruch als Triebkraft anerkennt, der muss den Gegensatz aushalten können. Obwohl Michael Brie damals selbst von intoleranten Kollegen immer aufs Neue ausgegrenzt wurde, haben wir als Studenten ihn solidarisch unterstützt, auch und gerade, wenn wir manche seiner Thesen nicht geteilt haben, eben weil es darum ging, den Gegensatz auszuhalten.
Heute kann er ihn nicht aushalten und greift zu einem Mittel, dessen Opfer er früher selber war: dem Parteiverfahren. Schade, dass M. Brie so vergesslich ist und damit unseren gemeinsamen Lehrer, wieder einmal, verraten hat. Den Sozialismus hat er leider schon lange vergessen, deshalb ist er verraten und verkauft.


12. Replikat seiner Netzseite 2015 (zu finden unter: www.archiv-swv.de/Beiwerke/Replikate Netzseiten bzw. unter Personen/Gerhard Branstner. - Quelle: http://www.gerhard-branstner.de/)

13. Eintrag auf „Friedpark“ - Dorotheenstädtisch-Friedrichwerderscher Friedhof I (Quelle: http://www.berlin.friedparks.de/such/gedenkstaette.php?gdst_id=3229)


Gedächtnisstätte

Gerhard Branstner

geboren am: 25.05.1927
gestorben am: 18.08.2008

 

 Schriftsteller

Der in Blankenhain/Thüringen geborene Gerhard Branstner musste 1945, mit knapp 18 Jahren, noch Soldat werden und kam dann bis 1947 in französische und belgische Kriegsgefangenschaft.
An der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät der ehemaligen DDR holte er von 1949 bis 1951 das Abitur nach, um anschließend bis 1956 an der Berliner Humboldt-Universität Philosophie zu studieren. Hier war er später auch als Dozent tätig.
Bevor
Branstner dann ab 1968 freiberuflicher Schriftsteller wurde, arbeitete er in den 1960er Jahren als Cheflektor im Eulenspiegel-Verlag und im Verlag „Das Neue Berlin“.
Über Branstners Werk „Die zweite Menschwerdung“ schrieb z. B. die Zeitung „Junge Welt“ in ihrer Ausgabe vom 30.12.1999:
„Die Wechselwirkung von Dichter und Denker macht die Eigenart der Texte aus: Branstner kommt von anderen Gegenständen durch andere Behandlungen zu anderen Ergebnissen als andere. … Das ist grob-logisch und fein, wie Volksdichtung, derber Sozialismus und florettierender Marxismus in einem … ein Buch, das keiner vorhersehen konnte und das jetzt schon ziemlich populär ist. Mehr Überraschung kann man nicht haben.“

Der Artikel „Klartext, Herr Genosse Gysi“ in der 'Jungen Welt' vom 14.03.2000 war dann der Anlass für Branstners Parteiausschluss aus der PDS. Nach seinem Einspruch wurde dieser Ausschluss nur zwei Monate später wieder aufgehoben.
Gerhard Branstner schrieb Theaterstücke, Fabeln, Aphorismen und utopische Erzählungen, unter anderen:
'Zu Besuch auf der Erde', 1961;
'Der falsche Mann im Mond',1970;
'Der Narrenspiegel', 1974;
'Der Esel als Amtmann oder das Tier ist auch nur ein Mensch', 1980;
'Revolution auf Knien', 1997;
'Die neue Weltofferte', 2002.

Grabstelle: Abt. CU 1, Reihe 2, Nr. 7