LIEDER UND GEDICHTE





Der Urtext ‚Die Rose‘ stammt von der US-amerikanischen Schauspielerin, Sängerin, Songschreiberin und Kabarettistin Amanda McBroom (*1947). Sie hat ihn für das fulminante Filmwerk von 1979 „The Rose“ geschrieben (https://de.wikipedia.org/wiki/The_Rose_(Film)), in dem die US-amerikanische Sängerin, Schauspielerin, Komikerin und Autorin Bette Midler (*1945; https://de.wikipedia.org/wiki/Bette_Midler) den Rockstar Mary Rose Foster – ‚Rose‘, wie sie von ihren Fans liebevoll genannt wird – verkörpert. Die Handlung, die im Jahr 1969 spielt, ist an die Biographie von Janis Joplin (1943-1970; https://de.wikipedia.org/wiki/Janis_Joplin) angelehnt. Als Idol ihrer Generation gefeiert, zerbricht die exzentrische, cholerische Rose an den Zwängen, den Einflüssen und Gegenwirkungen des öffentlichen Prestiges. Gefangen in einem mörderischen Hexenkessel aus Triumph und Niederlage, zerrissen zwischen Verherrlichung und tiefster Verlassenheit, erliegt Rose am Ende der seelischen und körperlichen Haltlosigkeit. Grandiose mitreißende, elektrisierende Live-Auftritte stehen der verwerflichen Seite des Ruhms gegenüber. Mehrfach wurde Bette Midlers Interpretation des Liedes ‚Die Rose‘ (im Abspann des Films) ausgezeichnet:

Some say love it is a river
That drowns the tender reed.
Some say love it is a razor
That leaves your soul to bleed.
Some say love it is a hunger
An endless, aching need
I say love it is a flower,
And you it's only seed.
It's the heart afraid of breaking
That never learns to dance
It's the dream afraid of waking
That never takes the chance.
It's the one who won't be taken,
Who cannot seem to give
And the soul afraid of dying
That never learns to live.
And the night has been too lonely
And the road has been too long.
And you think that love is only
For the lucky and the strong.
Just remember in the winter
Far beneath the bitter snow
Lies the seed that with the sun's love,
In the Spring becomes the Rose.

Die deutsche Version:

Einige sagen, die Liebe ist ein Fluß, der das zarte Schilf erdrückt.
Andere sagen, die Liebe ist ein Rasiermesser, das deine Seele tief verletzt.
Einige sagen, die Liebe ist der Hunger der Seele, eine tiefe, verlangende Sehnsucht.
Ich sage, die Liebe ist wie eine Blume, und du ihr einziger Samen.
Jenes Herz, das Angst vor der Enttäuschung hat, lernt niemals tanzen.
Jener Traum, der das Erwachen fürchtet, wagt niemals die Verwirklichung.
Wer sich nie ergreifen läßt, kann auch nicht geben,
und die Seele, die den Tod fürchtet, kann nie lernen zu leben.
Wenn du in der Nacht zu oft einsam warst und der Weg endlos scheint,
denkst du vielleicht, die Liebe sei nur für die Glücklichen und Starken.
Aber vergiß nicht, unter dem tiefen Winterschnee liegt der
Samen, aus dem mit der Liebe der Sonne im Frühjahr die Rose wird.

Hier auch die populäre und schlagertauglichere Fassung, wie sie von vielen deutschsprachigen Sängerinnen und Sängern interpretiert wurde:

Liebe ist wie wildes Wasser, das sich durch Felsen zwängt.
Liebe ist so wie ein Messer, das dir im Herzen brennt.
Sie ist süß und sie ist bitter. Ein Sturm, ein Wind, ein Hauch.
Für mich ist sie eine Rose, für dich ein Dornenstrauch.
Wer nie weint und niemals trauert, der weiß auch nichts vom Glück.
Wer nur sucht, was ewig dauert, versäumt den Augenblick.
Wer nie nimmt, kann auch nicht geben und wer sein Leben lang
immer Angst hat vor dem Sterben, fängt nie zu leben an.
Wenn du denkst, du bist verlassen und kein Weg führt aus der Nacht,
fängst du an die Welt zu hassen, die nur andre glücklich macht.
Doch vergiss nicht an dem Zweig dort, der im Schnee bei Nacht erfror,
blüht im Frühjahr eine Rose so schön wie nie zuvor.

Johann Ludwig Uhland (auch: Louis Uhland, 1787-1862), deutscher Dichter, Literaturwissenschaftler, Jurist, Politiker, Mitglied des Paulsparlaments; Quelle: Uhland, „Gedichte. Lieder.“, 1822, Erstdruck 1826:

Der Sommerfaden

Da fliegt, als wir im Felde gehen,
ein Sommerfaden über Land,

ein leicht und licht Gespinst der Feen,

und knüpft von mir zu ihr [Dir] ein Band.

Ich nehm ihn für ein günstig Zeichen,
ein Zeichen, wie die Lieb es braucht.

Oh Hoffnungen der Hoffnungsreichen,

aus Duft gewebt, von Luft zerhaucht!

Das „Abendlied“ des deutschen Dichters, Lyrikers und Journalisten Matthias Claudius (Pseudonym: Asmus, 1740-1815) gehört zu den schönsten und bekanntesten Werken der deutschen Literatur. Es entstand um 1778 und ist vielfach vertont worden; die geläufigste Weise ist zugleich auch die älteste, sie stammt von Johann Abraham Peter Schulz aus dem Jahre 1790 (in einfacher Klavierstimme hier zu hören: https://de.wikipedia.org/wiki/Abendlied_(Matthias_Claudius)). Hier auch eine schöne Hommage an das Lied und seinen Dichter zu dessen 200. Todestag: http://schmid.welt.de/2015/01/21/der-mond-ist-aufgegangen/.

Abendlied.

 

Der Mond ist aufgegangen,
die goldnen Sternlein prangen
am Himmel hell und klar;
der Wald steht schwarz und schweiget,
und aus den Wiesen steiget
der weiße Nebel wunderbar.

 

Wie ist die Welt so stille
und in der Dämmrung Hülle
so traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
wo ihr des Tages Jammer
verschlafen und vergessen sollt.

 

Sehr ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen
und ist doch rund und schön.
So sind wohl manche Sachen,
die wir getrost belachen,
weil unsre Augen sie nicht sehn.

 

Wir stolze Menschenkinder
sind eitel arme Sünder
und wissen gar nicht viel;
wir spinnen Luftgespinste
und suchen viele Künste
und kommen weiter von dem Ziel.

 

Gott, laß uns Dein Heil schauen,
auf nichts Vergänglichs trauen,
nicht Eitelkeit uns freun!
Laß uns einfältig werden
und vor Dir hier auf Erden
wie Kinder fromm und fröhlich sein!

 

Wollst endlich sonder Grämen
aus dieser Welt uns nehmen
durch einen sanften Tod,
und wenn Du uns genommen,
laß uns in Himmel kommen,
Du, unser Herr und unser Gott!

 

So legt euch denn, ihr Brüder,
in Gottes Namen nieder!
Kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott, mit Strafen;
und laß uns ruhig schlafen
und unsern kranken Nachbar auch!

Rainer Maria Rilke (1875-1926), deutscher Lyriker:

Ich fürchte mich.

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist der Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war,
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar,
ihr Garten und Gut grenzt gerade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Bertolt Brecht (Eugen Berthold Friedrich Brecht, 1898-1956), deutscher Dramatiker und Lyriker, Begründer des epischen bzw. dialektischen Theaters:

Mein Sohn, was immer auch aus dir werde,
Sie stehn mit Knüppeln bereit schon jetzt,
Denn für dich, mein Sohn, ist auf dieser Erde
Nur der Schuttablagerungsplatz da, und der ist besetzt.

Mein Sohn, laß es dir von deiner Mutter sagen:
Auf dich wartet ein Leben, schlimmer als die Pest.
Aber ich habe dich nicht dazu ausgetragen,
Daß du dir das einmal ruhig gefallen läßt.

Was du nicht hast, das gib nicht verloren.
Was sie dir nicht geben, sieh zu, daß du’s kriegst.
Ich, deine Mutter, habe dich nicht geboren,
Daß du einst des Nachts unter Brückenbogen liegst.

Vielleicht bist du nicht aus besonderem Stoffe,
Ich habe nicht Geld für dich noch Gebet,
Und ich baue auf dich allein, wenn ich hoffe,
Daß du nicht an Stempelstellen lungerst und deine Zeit vergeht.

Wenn ich nachts schlaflos neben dir liege,
Fühle ich oft nach deiner kleinen Faust.
Sicher, sie planen mit dir jetzt schon Kriege -
Was soll ich nur machen, daß du nicht ihren dreckigen Lügen traust?

Deine Mutter, mein Sohn, hat dich nicht betrogen,
Daß du etwas ganz Besonderes seist.
Aber sie hat dich auch nicht mit Kummer aufgezogen,
Daß du einst im Stacheldraht hängst und nach Wasser schreist.

Mein Sohn, darum halte dich an deinesgleichen,
Damit ihre Macht wie ein Staub zerstiebt.
Du, mein Sohn, und ich und alle unsresgleichen,
Müssen zusammenstehn und müssen erreichen,
Daß es auf dieser Welt nicht mehr zweierlei Menschen gibt.

Hilde Fürstenberg (1902-2005), deutsche Schriftstellerin, Verlegerin, Präsidentin der Knut-Hamsun-Gesellschaft:

Weht im Schnee.

Weht im Schnee ein Weihnachtslied
Leise über Stadt und Felder.
Sternenhimmel niedersieht
und der Winternebel zieht
um die dunklen Tannenwälder.

Weht im Schnee ein Weihnachtsduft
Träumerisch durch dicke Flocken,
füllt die schwere Winterluft
und aus weichen Wolken ruft
sanft der Klang der Kirchenglocken.

Geht durch Schnee ein Weihnachtskind
Liebend über kalte Erde,
geht dahin und lächelt lind,
hoffend, daß wir gütig sind
und die Menschheit besser werde.

Rudolf Otto Wiemer (1905-1998), deutscher Lyriker, Puppenspieler und Pädagoge:

Es geht ein heimlich Funkeln
durch alle Welt verhüllt.
Es steht ein Stern im Dunkeln,
die Zeit ist nun erfüllt.

Die Hirten in den Flocken
haben nicht Haus noch Licht.
Bald wird ein Wort frohlocken,
das heißt: Fürchtet euch nicht!

Ein Kind wird uns geboren
im Stall bei Lamm und Stier.
Die Welt ist nicht verloren:
Das Himmelreich ist hier.

Von guten Mächten - von Dietrich Bonhoeffer (1906-1945), lutherischer Theologe, Vertreter der Bekennenden Kirche, Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, verfasst im Dezember 1944 als letzter erhaltener theologischer Text vor seiner Hinrichtung am 09.04.1945, hier entnommen aus: Eberhard Bethge: Erstes Gebot und Zeitgeschichte. Aufsätze und Reden 1980-1990, Chr. Kaiser Verlag, München 1991 in der korrigierten Fassung nach erstmaliger Sichtung einer Xerokopie des Originalbriefes; vgl. auch hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Von_guten_M%C3%A4chten_treu_und_still_umgeben:

Von guten Mächten treu und still umgeben,
Behütet und getröstet wunderbar,
So will ich diese Tage mit euch leben
Und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Noch will das alte unsre Herzen quälen,
Noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach, Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
Das Heil, für das du uns geschaffen hast.

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
Des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
So nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
Aus deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
An dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
Dann wolln wir des Vergangenen gedenken
Und dann gehört dir unser Leben ganz.

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
Die du in unsre Dunkelheit gebracht.
Führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
So lass uns hören jenen vollen Klang
Der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
All deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
Erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Was keiner wagt - von Lothar Zenetti (*1926), deutscher römisch-katholischer Theologe, Priester, Schriftsteller:

Was keiner wagt, das sollt ihr wagen.
Was keiner ausspricht, das sagt heraus.
Was keiner denkt, das wagt zu denken.
Was keiner anfängt, das führt aus.

Wenn keiner ja sagt, sollt ihr’s sagen.
Wenn keiner nein sagt, sagt doch nein.
Wenn alle zweifeln, dann wagt zu glauben.
Wenn alle mittun, steht allein.

Wo alle loben, da habt Bedenken.
Wo alle spotten, spottet nicht.
Wo alle geizen, da wagt zu schenken.
Wo alles dunkel ist, macht Licht!

Zeit für das Wesentliche - von Elli Michler (1923-2014), deutsche Lyrikerin:

Ich wünsche dir nicht alle möglichen Gaben.
Ich wünsche dir nur, was die meisten nicht haben:
Ich wünsche dir Zeit, dich zu freun und zu lachen,
und wenn du sie nützt, kannst du etwas draus machen.

Ich wünsche dir Zeit für dein Tun und dein Denken,
nicht nur für dich, sondern auch zum Verschenken.
Ich wünsche dir Zeit - nicht zum Hasten und Rennen,
sondern die Zeit zum Zufrieden sein können.

Ich wünsche dir Zeit, nach den Sternen zu greifen,
und Zeit, um zu wachsen, das heißt, um zu reifen.
Ich wünsche dir Zeit auch zum Schulden vergeben.
Ich wünsche dir: Zeit zu haben zum Leben!

Laotse (auch: Lao Tse, Laudse, Laozi, „Alter Meister“, zwischen dem 3. und 6. Jh. vor Christus), legendärer chinesischer Philosoph; das bekannteste ihm zugeschriebene und Hauptwerk des Taoismus ist das Tao-Te-King:
Ohne Liebe.

Pflicht ohne Liebe macht verdrießlich
Verantwortung ohne Liebe macht rücksichtslos
Gerechtigkeit ohne Liebe macht hart
Wahrheit ohne Liebe macht kritiksüchtig
Erziehung ohne Liebe macht widerspruchsvoll
Klugheit ohne Liebe macht gerissen
Freundlichkeit ohne Liebe macht heuchlerisch
Ordnung ohne Liebe macht kleinlich
Sachkenntnis ohne Liebe macht rechthaberisch
Macht ohne Liebe macht gewalttätig
Ehre ohne Liebe macht hochmütig
Besitz ohne Liebe macht geizig
Glaube ohne Liebe macht fanatisch.

Joseph von Eichendorff (Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff, 1788-1857), bedeutender Lyriker, Prosadichter und Schriftsteller der Romantik, gehört mit etwa 5000 Liedern zu den meistvertonten deutschsprachigen Lyrikern:
Der Abend (1826).

Schweigt der Menschen laute Lust:
Rauscht die Erde wie in Träumen
Wunderbar mit allen Bäumen,
Was dem Herzen kaum bewußt,
Alte Zeiten, linde Trauer,
Und es schweifen leise Schauer
Wetterleuchtend durch die Brust.

Hermann Karl Hesse (1877-1962), deutschsprachiger Schriftsteller, Dichter, Maler, Literaturnobelpreis 1946.

Im Nebel

 

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den anderen,
Jeder ist allein.

 

Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

 

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allem ihn trennt.

 

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

Paul Gerhard (1607-1676), evangelisch-lutherischer Theologe, gilt darüber hinaus als bedeutendster deutschsprachiger Kirchenlieddichter. „Nun ruhen alle Wälder“ erschien erstmals 1646 im Gesangbuch ‚Praxis Pietatis Melica‘ von Johann Crüger unter ‚Tägliche Abendgesänge‘:

Nun ruhen alle Wälder,
Vieh, Menschen, Städt’ und Felder,
es schläft die ganze Welt;
ihr aber, meine Sinnen,
auf, auf, ihr sollt beginnen,
was eurem Schöpfer wohlgefällt.

Wo bist du, Sonne, blieben?
Die Nacht hat dich vertrieben,
die Nacht, des Tages Feind.
Fahr hin, ein andre Sonne,
mein Jesus, meine Wonne,
gar hell in meinem Herzen scheint.

Der Tag ist nun vergangen,
die güldnen Sternlein prangen
am blauen Himmelssaal;
also werd ich auch stehen,
wenn mich wird heißen gehen
mein Gott aus diesem Jammertal.

Der Leib eilt nun zur Ruhe,
legt ab das Kleid und Schuhe,
das Bild der Sterblichkeit;
die zieh ich aus, dagegen
wird Christus mir anlegen
den Rock der Ehr und Herrlichkeit.

Das Haupt, die Füß und Hände
sind froh, dass nun zum Ende
die Arbeit kommen sei.
Herz, freu dich, du sollst werden
vom Elend dieser Erden
und von der Sünden Arbeit frei.

Nun geht, ihr matten Glieder,
geht hin und legt euch nieder,
der Betten ihr begehrt.
Es kommen Stund und Zeiten,
da man euch wird bereiten
zur Ruh ein Bettlein in der Erd.

Mein Augen stehn verdrossen,
im Nu sind sie geschlossen.
Wo bleibt dann Leib und Seel?
Nimm sie zu deinen Gnaden,
sei gut für allen Schaden,
du Aug und Wächter Israel’.

Breit aus die Flügel beide,
o Jesu, meine Freude,
und nimm dein Küchlein ein!
Will Satan mich verschlingen,
so lass die Englein singen:
Dies Kind soll unverletzet sein.

Auch euch, ihr meine Lieben,
soll heute nicht betrüben
kein Unfall noch Gefahr.
Gott lass euch selig schlafen,
stell euch die güldnen Waffen
ums Bett und seiner Engel Schar.

Günter Eich (1907-1972), deutscher Hörspielautor und Lyriker, bekannt geworden vor allem durch seine Nachkriegsgedichte; dieses hier ist etwa 1935 von ihm verfasst worden:
Fürchte dich nicht

Spute dich, die Wölfe sind unterwegs im Schnee,
Springflut an den Küsten,
der Hai, wenn du ein Fisch bist.

In den Druckereien werden die Texte gesetzt.
Übe dich, das Weiße in den Buchstaben zu lesen.
Es gibt eine Rettung.

Vögel, die um Futter kommen,
behalten dein Bild auf der Netzhaut.
Schaue sie furchtlos an und verhänge die Fenster nicht!

Die Lichter, am Abend freundlich angezündet,
sind Raubtieraugen.
Sie haben einen Kreis um dich gezogen,
aber sie zögern, verwundert über deine Zuversicht.

Die Wölfe werden deine Spur verlieren;
Die Springflut wird erstarren im plötzlichen Frost,
der Hai in die Tiefe sinken.

Eduard Mörike (1804-1874), deutscher lyrischer Dichter; seine Liebes- und Naturgedichte gehören zu den schönsten der deutschen Literatur:

Herr! schicke, was Du willst,
Ein Liebes oder Leides,
Ich bin vergnügt, dass beides
Aus Deinen Händen quillt.

Wollest mit Freuden
Und wollest mit Leiden
Mich nicht überschütten.
Doch in der Mitten
Liegt holdes Bescheiden.

Hermann Karl Hesse (1877-1962), deutschsprachiger Schriftsteller, Dichter, Maler, Literaturnobelpreis 1946.
Danke

Ich danke allen,
die meine Träume belächelt haben.
Sie haben meine Fantasie beflügelt.
Ich danke allen,
die mich in ihr Schema pressen wollten.
Sie haben mich den Wert der Freiheit gelehrt.
Ich danke allen,
die mich belogen haben.
Sie haben mir die Kraft der Wahrheit gezeigt.
Ich danke allen,
die nicht an mich gelaubt haben.
Sie haben mich veranlasst, Berge zu versetzen.
Ich danke allen,
die mich verlassen haben.
Sie haben mir Raum für Neues gegeben.
Ich danke allen,
die mich verraten und missbraucht haben.
Sie haben mich wachsam werden lassen.
Ich danke allen,
die mich verletzt haben.
Sie haben mich gelehrt, im Schmerz zu wachsen.
Ich danke allen,
die meinen Frieden gestört haben.
Sie haben mich starkgemacht, dafür einzutreten.
Ich danke allen,
die mich verwirrt haben.
Sie haben mir meinen Standpunkt klar gemacht.
Vor allem aber danke ich denen,
die mich so lieben, wie ich bin.
Sie gaben mir die Kraft zum Leben.

Der Weg der meisten ist leicht.
Aber wenn man einmal das andere weiß,
dann hat man die Wahl nicht mehr,
den Weg der meisten zu gehen.
Der Weg der meisten ist leicht,
unserer ist schwer.