„Eine unsympathische Partei erschüttert die Republik.“

So der Titel eines Beitrags vom 29.10.2019 von Ch. Schüle auf Deutschlandfunk Kultur zur Thüringer Landtagswahl am 27.10.2019.

Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/ungewoehnliches-lob-auf-die-afd-eine-unsympathische-partei.1005.de.html?dram:article_id=462063.

 


Audiospur des Beitrags von Ch. Schüle:

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Autorenkollegium werkvermächtnisse.de: Lob der AfD.
Ein Gegenkommentar zum Beitrag von Ch. Schüle auf Deutschlandfunk Kultur „Ungewöhnliches Lob auf die AfD“ (siehe auch hier unten), vom 29.10.2019, zur Thüringer Landtagswahl am 27.10.2019. November 2019.

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„Eine unsympathische Partei erschüttert die Republik“: Mit 23,4 % und dem größten Stimmenzuwachs seit jeher – von 12,6 % – gelingt der ‚Alternative für Deutschland‘ der Sprung auf Platz 2 der Wahlgewinner. In keinem anderen Bundesland stehen sich jetzt ‚Links‘ und ‚Rechts‘ so kräftig und deutlich gespalten gegenüber. Die mediale Zunft in Deutschland ist davon derart überwältigt worden, daß auf den Staatsfunkkanälen und papierenen Systemmedien bisher kein einziges Wort über die wahre Dimension dieses Erfolgs zu hören oder zu lesen war. Irgendwie scheint ein Großteil des Volkes an dieser ‚rechts-nationalen Gesinnung‘ Gefallen zu finden. Was tun? Ignorieren kann man das kaum, also ‚wegloben‘, das könnte noch funktionieren…

Und so bemüht Ch. Schüle auf Deutschlandfunk Kultur ein „Ungewöhnliches Lob auf die AfD“.

Auch von mir ein Spruch ‚vorweg‘: Ich sympathisiere mit der AfD, wähle sie aber nicht – weil ich seit 20 Jahren grundsätzlich nicht wähle: Ich möchte mich nicht für dumm verkaufen lassen und meine Stimme ‚abgeben‘, jenen, die sie sowieso nur zur ‚Legitimation‘ ihrer Selbstbereicherung mißbrauchen. Ich finde mich in keinem der sogenannten Parteiprogramme wieder und fühle mich von keinem der sogenannten Parlamentarier in meinen Interessen vertreten, geschweige in meinen Befindlichkeiten wahrgenommen, genausowenig, wie diese von den ‚Medien‘ überhaupt widergespiegelt werden. Wen, was, wozu also ‚wählen‘?! Meiner Auffassung nach hat unsere Wahl- und Mitbestimmungsordnung keinerlei Einfluß auf irgendeine Veränderung: Selbst wenn die AfD stärkste Kraft in unserem Lande würde, zuletzt müßte ein Protest auf der Straße die Erneuerung der Ordnung ‚erzwingen‘. Von sich aus, dem ‚demokratischen Prinzip‘ nach, durch das der Wählerwunsch im politischen Spektrum eigentlich abgebildet werden sollte, kann sich nichts ändern, dafür sorgen die etablierten Machtinstrumente: sogenannte Staatsdiener, Staatsrechtler, Beamte – in engem Bunde mit dem Wegwerfjournalismus, dessen ‚Qualität‘ unter einer Halbwertzeit von 24 Stunden liegt. Wirkliche Veränderungen bedürfen offensichtlich direkter Proteste von Menschen auf der Straße. Nur ihnen noch scheint eine staatskluge Voraussicht im Sinne des Gemeinwohls und faktische Kraft gegeben – als unmittelbar Betroffene nämlich, die sich dann auch mutig zusammenschließen und gemeinsam gegen die politische oder amtliche Willkür aufbegehren.

Wie also nun das Wirkliche so verpacken, daß es nur noch lächerlich dasteht? In dieser Kunst haben es die Lohnlügner und ‚öffentlich-rechtlichen‘ Meinungsmacher zur Meisterschaft getrieben: In den Tempeln der Medienkartelle erhält der die höchste Weihe, der auf ‚überzeugende Weise‘ jedem beliebigen Ding jeden beliebigen Anschein zu verleihen weiß. Würden wir die Rhetorik allein ihrer bewußtseinsbildenden Technik wegen praktizieren, so dürften wir hier tatsächlich von einer ‚Kunstform‘ sprechen, denn jeder, der etwas länger über eine Sache nachdenkt, wird anerkennen: „Es gibt nichts Schlechtes, an dem nicht auch etwas Gutes wäre“ – und umgekehrt. Unter Hinzufügung einer bestimmten Komplementärfarbe erscheint alles in dem Lichte, in das ich es zu stellen wünsche. Jeder halbwegs rhetorisch Begabte vermag jedem Ding die Richtung weisen, in die er es bewegen oder biegen möchte.

(Vgl. hier ggf. die Eristische Dialektik von Schopenhauer bzw. das poetische Pendent von Christian Morgenstern: „…weil nicht sein kann, was nicht sein darf.“ Auch die folgenden Aphorismen setzen dieses Phänomen präzise in Sprache: George Warwick Deeping, 1877-1950, englischer Schriftsteller: „Wir wollen eine Sache nicht besitzen, weil wir einen Grund dafür haben, sondern wir finden einen Grund, weil wir sie besitzen wollen.“ Oder auch: Kurt Tucholsky, 1890-1935, deutscher Journalist und Schriftsteller, schrieb auch unter den Pseudonymen Kaspar Hauser, Peter Panter, Theobald Tiger, Ignatz Wrobel, in: Schnipsel, rororo-Taschenbuch, 1985, Seite 138: „Kein Resultat, kein Ziel auf der Erde wird nach dem logisch geführten Beweis ex argumentis gewonnen. Überall steht das Ziel, gefühlsmäßig geliebt, vorher fest, die Argumente folgen, als Entschuldigung für den Geist, als Gesellschaftsspiel für den Intellekt. Noch niemals hat einer den andern mit Gründen überzeugt. Hier steht Wille gegen Willen...“)

Von seinem Instinkt beunruhigt, die AfD könnte nun längst ein bedeutendes und nicht mehr zu ignorierendes Potential gebildet haben zur notwendigen Überwindung der Einheitsdemagogie der herrschenden Klasse, fühlt sich der Autor des oben genannten Beitrags verpflichtet, dagegen eine Lesart zu entwerfen, die zugleich die Ideologie dieser privilegierten Klasse, der er selbst angehört, durch altbewährte Klischees bestätigt: ‚Seien wir froh, daß es die AfD gibt: weil sie selbst die große Chance eröffnet, sie und ihre nationalrevanchistischen Brandstifter mittelfristig unter die Fünf-Prozent-Hürde zu drücken…‘

Natürlich: Will man eine Viertelmillion Menschen nicht direkt als nationalrevanchistisch einstufen, so spricht man besser von den ‚wenigen Brandstiftern‘, welche die ‚Ungebildeten und Irrenden‘ für ihre faschistoide Mentalität ‚einfangen und instrumentalisieren‘… So geht das. Denn in der Tat: „Ihre Vertreter öffnen Ventile“ – die von den linkselitären Möchtegernintellektuellen und Systemdienern bisher zwanghaft versperrt gehalten wurden. Nicht „die Verachtungsbereitschaft erstaunlich vieler Mitbürger“ wird dabei erkennbar, sondern die Verachtungsbereitschaft erstaunlich vieler Mitbürger gegenüber dem inneren Aufbegehren ebensovieler Mitbürger in unserem Land gegen die politische Klasse infolge ihrer zerstörerischen Hinterlassenschaften der letzten dreißig Jahre! Und in grandioser Einigkeit hält der Mainstream ebensolange sein geschlossenes Sperrfeuer gegen jede ideologische Abweichung vom bestehenden Staatsdogmatismus aufrecht: Die ‚parlamentarische Demokratie‘, die ‚soziale Marktwirtschaft‘, die ‚bürgerlich-liberale Toleranz‘ als ‚Garant für Freiheit und Menschenrechte‘ – die Ammenmärchen im Dienste der Wirtschaftskonzerne, Lobbyisten und politischen Wichtigtuer! ‚Die DDR ein Unrechtsstaat‘, ‚die BRiD ein Rechtsstaat‘ – daß ich nicht lache!!

Wir müssen der AfD dankbar sein, weil sie die Massen mobilisiert, endlich wieder couragiert für die „für unverrückbar gehaltenen Übereinkünfte“ auch einzutreten – um sie wiederherzustellen! Denn diese „Übereinkünfte“, die die deutsche Kultur ausmachen, ausgemacht haben, sie sind im Begriffe sich aufzulösen: ein intaktes Staatssystem, fußend auf den Säulen der Gerechtigkeit, eine Rechtsprechung nach unveränderlichen Prinzipien des Grundgesetzes zum Wohle des Gemeinschaftswesens, die soziale Sicherung, die Meinungsfreiheit, die kontroverse Pluralität im Diskurs, die Bildung, die Kultur, ein wirksames Gesundheits-, Vorsorge- und Pflegesystem… – alles schwer beschädigt – in 30 Jahren ‚deutscher Einheit‘! ‚Aufgeblüht‘ ist allein die Perfidie des Kapitalismus, alles und jeden zur eigenen Bereicherung auszusaugen… Die Macht- und Geldgier der Systemgewinnler, denen jegliches Gefühl für die emotionale Verfassung des Volkes abhandengekommen ist, hat dafür ‚gesorgt‘, daß alle diese essentiellen Stützen des Staates und Gemeinwesens ausbluten.

Was ist eigentlich ‚Bildung, Kultur, Meinungs- und Lebensfreiheit‘?! – In der deutschen Medienlandschaft, besetzt von ihren geistig verkümmerten und empathielosen Selbstdarstellern, wäre momentan kein sinnvoller Diskurs darüber zu führen.

„Im Untergrund“ mußte wuchern, wofür es keine Kanäle und Adressaten gab, weil es ignoriert und tabuisiert wurde. Egal wie ‚abstoßend‘ etwas erscheint: eine heilsame Aussöhnung mit einem Problem kann nur dort gelingen, wo es auch eine aufrichtige Fähigkeit und Möglichkeit zur Thematisierung, zur Analyse und offenen Aussprache gibt – in Anerkennung welcher menschlichen Befindlichkeit oder politischen oder kulturellen Position auch immer. Alles andere verhärtet und verdrängt das Ungesagte, ‚Unerlaubte‘ in die seelischen Katakomben, wo es eben ‚wuchert‘ und auf Gelegenheit wartet, ‚auf- und auszubrechen‘…

Das taktische Spielen mit dem Begriff der Ethik, heute in jeder ‚politisch korrekten‘ Darstellung unerläßlich, deutet auf die tiefe Verirrung in Bezug auf eine wahrhaft authentische innere Realisation dieses Begriffes und damit auf die moderne Abspaltung von vollständigen Bildungsbegriffen. In Kurzform: In umfassendem Sinn kann Ethik nur als Gebot einer allgemeinen Normenordnung und -stufung zum Zweck des friedlichen Zusammenlebens aller Wesen auf dieser Erde verstanden werden. ‚Aller Wesen‘ setzt zunächst das ‚friedliche Zusammenleben‘ der unmittelbaren Gemeinschaft voraus. Daraus erst kann es auch auf andere Gemeinschaften übergreifen, von ihr auf sie sich übertragen, indem jetzt, aus der Fülle schöpfend, freiwillig abgegeben, aufgenommen oder ‚geholfen‘ wird. Hat irgendwer schon einmal darüber nachgedacht, was es für das Klima einer Gesellschaft bedeutet, wenn eine wachsende Zahl von Menschen in ihr – darunter auch Migranten – einen Reichtum um sich sehen, der ihnen selbst stets verwehrt bleiben wird?! Unsere modernen ‚Systemtheoretiker‘ überspringen in ihren ‚Analysen‘ stets sowohl die letzten Konsequenzen, das volle Zu-Ende-Denken ihrer Forderungen als auch die gerechtfertigte psychische Verwurzelung der Menschen in ihren nationalen (= geschichtlich überlieferten, indigenen, autochthonen = einheimisch-stammesbewußten, historisch gewachsenen und begründeten) Ansprüchen und Befindlichkeiten und deren Inanspruchnahme. Sie schulmeistern und entfremden sich dabei vom menschlichen Natur- und Triebwesen. Aus dem Wohlstand heraus keine Hilfe zu leisten ist ebenso unethisch, wie ein Volk der Zersetzung seiner eigenen Kultur und Tradition preiszugeben.

Nehmen Sie endlich zur Kenntnis: Mindestens eine mittlere Masse des deutschen Volkes wünscht den Austausch unserer Regierenden und die Erneuerung aller gesellschaftlichen Verfahren! Der ‚Souverän‘, das Volk, fordert die Schuldigen an unserer Misere zur Verantwortung zu ziehen und begehrt den Systemwandel: von der Demagogie und Autokratie, von der Manipulation und Korruption der Medien und Funktionseliten hin zu einer transparenten Volksherrschaft und zum Gebot der Verteidigung der nationalen Interessen. ‚International‘ kann man handeln, wenn sich auch der Partner entsprechend verhält, wenn er zugleich seine und meine nationalen Interessen verteidigt und achtet! Wie sollte ein glaubwürdiges Interesse an der Gesundheit irgendeiner anderen Nation bestehen, wenn bereits das Interesse an der Gesunderhaltung der eigenen Nation fehlt?!

Wir wünschen einen Systemwechsel: von einer Republik der Opportunisten, hin zu einem Rechtsstaat, in dem Gesetze gelten und auch Anwendung finden, die dem Wohl unseres Heimatlandes dienen und so die Voraussetzungen schaffen, den globalen Bedrohungen, die auf uns zukommen, trotzen zu können oder sie abfedern zu helfen! Wir wünschen die Wiederherstellung des Rechtsstaates – wenn es ihn je gegeben haben sollte. Auf dem Entwicklungsweg, wie er sich jetzt vollzieht, durch politische Idiotie der letzten 30 Jahre hervorgerufen, ist Deutschland in zehn Jahren verarmt und ein Land zweiter oder dritter Klasse. Offensichtlich wissen die Verantwortlichen nicht, was sich auf den Straßen, in den Schulen, in den Werkstätten, durch Anmaßung in den Behörden, auf den Ämtern – in den Köpfen und Herzen der Menschen dieses Landes – vollzieht, offensichtlich leben sie abgetrennt von jeder Wirklichkeit, die es für die Menschen aus dem Volk tatsächlich und tagtäglich zu bewältigen gilt! Weg mit denen, die uns belügen und sich an uns bereichern! Selbst wenn die AfD den Klimawandel leugnet, sie wäre es wert gewählt zu werden allein für ihr Versprechen, die GEZ-Zwangsgebühren – für ein ideologisch-manipulatives Staatsfernsehen – abzuschaffen! Hier würde ich die Befreiung von dieser geistigen Bedrohung sogar vor die der ökologischen setzen: Die meisten jungen Menschen ‚glauben‘ tatsächlich, sie lebten in einer ‚Demokratie‘, soweit ist ihnen bereits das kritische und selbständige Denken und Fühlen durch mediale Indoktrination verödet/verblödet oder – als Nutznießer dieses Systems – abgekauft worden.

Wir Älteren durften noch von den Klassikern lernen: „…man merkt die Absicht und ist verstimmt…“ – etwas verändert das Original in Goethes Torquato Tasso. Der Zeitgeist ist aufgebrochen, der sich immer stärker gegen jede wirtschaftliche, mediale und politische Hypnose zur Wehr setzt. „Frühkindförderung, Umschulungsprogramme, Infrastrukturausbau, Industriepolitik, G5 an jeder brandenburgischen Milchkanne, Smart-Citys in Thüringen, Quantentechnologie und ein Batteriezellenwerk in Sachsen“ – genau dieser Wahn ist es, der uns immer weiter forttreibt von einem wirklichen menschlich-ethischen Kern einer tatsächlich lebenswürdigen Zukunft.

Wir sprechen uns wieder… Und natürlich: Hier hat jemand aus dem Osten geschrieben...

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Ein Gegenkommentar auf den folgenden Beitrag:

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Christian Schüle: Ungewöhnliches Lob auf die AfD.
Deutschlandfunk Kultur: Eine unsympathische Partei erschüttert die Republik. Beitrag vom 29.10.2019.
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/ungewoehnliches-lob-auf-die-afd-eine-unsympathische-partei.1005.de.html?dram:article_id=462063.

Christian Schüle hat in München und Wien Philosophie, Soziologie und Politische Wissenschaft studiert, war Redakteur der ‚Zeit‘ und lebt als freier Essayist, Schriftsteller und Publizist in Hamburg. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter den Roman „Das Ende unserer Tage“ (Klett-Cotta). Seit 2015 ist er Lehrbeauftragter im Bereich Kulturwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin.

Es gibt nichts Schlechtes, an dem nicht auch etwas Gutes wäre: Das gilt auch für die AfD, findet der Autor Christian Schüle. Er ist der Partei in gewisser Weise dankbar für das, was sie indirekt und ungewollt bewirkt.

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Vorweg gesagt: Es gibt meinerseits nicht den Hauch einer Sympathie für die AfD. Ihre Vertreter öffnen Ventile, animieren indirekt zu Gewalt, pflegen das abonnierte Monopol auf den Opfermythos und tragen zur Ausweitung der Kampfzone bei. Trotzdem sage ich klar und deutlich: Seien wir froh, daß es sie gibt! 

Die Partei zerstört jede Illusion von Harmonie.

Ich bin der AfD in gewisser Weise dankbar, weil sich durch sie zeigt, in welcher Verfassung die deutsche Gesellschaft tatsächlich ist. Diese Partei zerstört jede Illusion von Harmonie. Sie triggert das Beste und Schlechteste im Land. Einerseits kommt in Aufruhr und Kampf gegen die AfD ein kaum noch vorhanden geglaubtes Humanitätsbewußtsein zum Vorschein.

Andererseits wird mit und durch die AfD das Geschäftsmodell der Niedertracht und die Verachtungsbereitschaft erstaunlich vieler Mitbürger erkennbar. Durch die AfD werden jene Ressentiments und Radikalismen an die Oberfläche gehoben und hörbar repräsentiert, die ohnehin vorhanden sind, aber jahrelang im Untergrund wucherten. Die Therapie kann also beginnen. 

Die Wachsamkeit steigt.

Ich bin der AfD in gewisser Weise dankbar, weil sie das ethische Immunsystem der deutschen Gesellschaft sensibilisiert hat. Seit etwa fünf Jahren führt die ‚Alternative für Deutschland‘ der Republik vor Augen, wie leicht die für unverrückbar gehaltenen Übereinkünfte zu erschüttern sind – und wie beruhigend groß die Wachsamkeit der meisten Bürger für die liberale Demokratie in weiten Teilen doch ist. Diese normative Selbstvergewisserung ist enorm wichtig.

‚Make love, no AfD‘ – fordern Demonstranten bei Protesten gegen Rassismus und Rechtsextremismus. Wer die demokratisch legitimierte ‚Alternative für Deutschland‘ unbedeutend machen will, muß ihr die Grundlagen des Erfolgs entziehen: den Zuspruch durch den wählenden Mitbürger. Macht zerfällt, wenn man sie nicht anerkennt. Sie zerfällt nicht, wenn man sie empört dämonisiert.

AfD macht auf Dysfunktionalitäten aufmerksam.

Ich bin der AfD in gewisser Weise dankbar, weil sie nolens volens auf faktische Defizite und Dysfunktionalitäten im Land aufmerksam macht. Das müßte in den anderen Parteien ungewohnte intellektuelle Kreativität freisetzen, konstruktive Konzepte für Probleme, Sorgen und Begehrlichkeiten der Bürger zu finden, um die hochkomplexen sozioökonomischen Transformationsprozesse der Gegenwart in die Zukunft zu bewältigen.

Es wäre infantil, nichtgenehme Haltungen und Positionen einfach niederzubrüllen oder im Erregungseifer zum Teufel zu wünschen. Die Retro-Partei ‚Alternative für Deutschland‘ zwingt zu Konzept und Konsequenz, Präzision und Tempo.

Konservatismus muß zeitgemäß gedacht werden.

Ich bin der AfD in gewisser Weise dankbar, weil sie dazu nötigt, die Grundlagen des bürgerlichen Konservatismus neu und zeitgemäß zu denken. Für weit mehr Menschen als vermutet sind Heimatgefühl und Identitätssicherheit wichtige Chiffren für die Sehnsucht nach Geborgenheit in Zeiten, da sie sich ohnmächtig, ungebraucht, austauschbar und – wie offenbar viele Ostdeutsche – vor allem kulturell und mental abgewertet fühlen.

Patriotismus läßt sich explizit unvölkisch, pluralistisch, heterogen und integrativ verstehen: als Loyalität, als soziale Kooperation, als Sorge, Fürsorge und Engagement für das Gemeinwesen. Wer die Sehnsucht nach kultureller Zugehörigkeit als faschistoid abtut, hat von der Psyche des Menschen nichts verstanden. 

Wie also wäre es mit ausgiebiger Frühkindförderung, mit Umschulungsprogrammen, Infrastruktur-Ausbau, Industriepolitik, mit 5G an jeder brandenburgischen Milchkanne, mit Smart Citys in Thüringen, Investitionen in Quantentechnologie und in ein Batteriezellenwerk in Sachsen?

Ironischerweise eröffnet doch gerade die AfD selbst die große Chance, sie und ihre nationalchauvinistischen Brandstifter mittelfristig unter die Fünf-Prozent-Hürde zu drücken. Dafür wäre ich am dankbarsten.

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