METAPHERN UND KURZGESCHICHTEN





Was ist Glück?

(Übersetzt und nacherzählt aus den Upanischaden, einer zu den ältesten heiligen Schriften des Hinduismus gehörenden und die vedische Religion begründenden Sammlung philosophisch-theologischer Abhandlungen über die Erlösung des Menschen. Entstanden ist die vedische Literatur zwischen 1200-600 v. Chr. Der Buddhismus bricht mit ihrer religiösen Autorität, übernimmt aber ihre Wiedergeburtslehre, ersetzt jedoch das Ziel der Erlösung aus vedischer Tradition vermittels des Erkennens der Identität von Brahman und Atman durch das buddhistisch überlieferte Nirvana - des Verwehens, der Vernichtung des Leidens, des Verlöschens des Durstes und der Lebensgier.)
Was ist Glück?
Ein kleiner Junge fragte seinen Vater: „Papa, alle suchen das Glück, was aber bedeutet Glück?“ - „Ein Zeichen von Glück besteht darin, mein Sohn, daß jemand, der glücklich ist, tätig wird. Jemand, der nicht glücklich ist, mag nichts tun. Sein Geist ist eng und sein Wille schwach. Was weit und grenzenlos ist, das macht glücklich. In dem, was klein und endlich ist, ist keine wahre Freude zu finden. Ich kann dir versichern, mein Sohn: Nur das Unendliche enthält das Glück. Doch mußt du dir aus vollem Herzen wünschen, dieses Unendliche zu verstehen.“ - „Ich möchte es verstehen, Papa“, sagte der Junge. - „Gut, dann mußt du genau zuhören, was ich dir jetzt sage und darüber nachdenken: Es gibt zweierlei - das Endliche und das Unendliche. Ein Mensch, der erkennt, daß nichts und niemand von ihm getrennt ist, daß er mit allen anderen Menschen, Tieren und Dingen im Universum eins ist und er nichts anders sieht, hört und kennt - das ist das Unendliche. Wer sich aber von den anderen getrennt fühlt - das ist das Endliche; dieser Mensch hat das Unendliche noch nicht entdeckt. Das Endliche wird vergehen, das Unendliche währt ewig. Wer das versteht, der hat die Grundlage allen Glücks gefunden.“

Hermann Karl Hesse (1877-1962), deutschsprachiger Schriftsteller, Dichter, Maler, Literaturnobelpreis 1946, hier entnommen seinen ‚Phantasien‘ von 1918: Die Normalen:

Auf dem Wege vom Fisch, Vogel und Affen bis zum kriegführenden Tier unserer Zeit, auf dem langen Wege, auf dem wir mit der Zeit Menschen und Götter zu werden hoffen, konnten es nicht die ‚Normalen‘ sein, die von Stufe zu Stufe vorwärts gedrängt hatten. Die Normalen waren konservativ, sie blieben gern beim Gesunden, Bewährten. Eine normale Eidechse kam nie auf den Gedanken, es einmal mit dem Fliegen zu versuchen. Ein normaler Affe dachte nie daran, den Baum zu verlassen und aufrecht auf der Erde zu wandeln. Der das zuerst getan, der das zuerst probiert, zuerst davon geträumt hatte, der war unter den Affen ein Phantast und Sonderling, ein Dichter und Neuerer gewesen, und kein Normaler. Die Normalen, so sah ich, waren dazu da, die gefundene Form einer Lebensweise festzuhalten, zu schützen und zu befestigen, damit Rückhalt und Lebensvorrat da sei. Die Phantasten aber waren dazu da, ihre Sprünge zu machen und das nie Erdachte zu träumen, damit vielleicht einmal aus dem Fisch ein Landtier und aus dem Affen ein Affenmensch werden könne.
Also war ‚normal‘ eigentlich auch nichts Ideales, es war auch nur der Name für eine Funktion, nämlich für die konservative, arterhaltende. ‚Begabt‘ oder ‚Phantast‘ aber war der Name für die Funktion des Spielens und Probierens, des Ballspielens mit Problemen. Man konnte dabei kaputtgehen, wahnsinnig werden, dem Selbstmord verfallen. Man konnte aber unter Umständen auch Flügel erfinden, Götter schaffen. Kurz: während der Normale dafür sorgte, daß die Art, wie sie war, erhalten bleibe, war es Amt des ‚Geistigen‘, dafür zu sorgen, daß der andere, gegenteilige Besitz der Menschheit, nämlich ihr Ideal, ebenfalls erhalten bleibe und nicht eingehe. Zwischen beiden Polen spielte das Leben der Menschheit. Festhalten, was man erreicht hat, und Erreichtes wegwerfen, um Weiteres anzustreben! Das war es. Und des Dichters Funktion war die, auf der idealen Seite mitzutun, Ahnungen zu haben, Ideale zu schaffen, Träume zu haben.

Khalil Gibran (1883-1931), libanesisch-amerikanischer Maler, Dichter und Philosoph, in: „Das Reich der Ideen“,
erschienen z. B im Walter Verlag, Olten, 1987, dort S. 66 - Über die Kunst:

Als ich zu zeichnen und zu malen anfing, da sagte ich nicht zu mir selbst: ‚Schau an, Khalil Gibran. So viele Wege der Kunst liegen vor dir: der klassische, der moderne, der symbolistische, der impressionistische und andere. Wähle einen davon.‘ Ich tat nichts dergleichen. Mein Pinsel und meine Feder zeichneten ganz von alleine die Symbole meiner Gedanken, Gefühle und Vorstellungen auf. Manche glauben, daß es die Aufgabe der Kunst sei, einfach eine Abbildung der Natur darzustellen. Aber die Natur ist viel zu großartig und viel zu fein, als daß man sie erfolgreich imitieren könnte. Kein Künstler ist je imstande, auch nur die geringste Schöpfung der Natur oder eines ihrer Wunder getreu abzubilden. Und außerdem: welch einen Gewinn bringt es, die Natur zu imitieren, wenn sie offen zugänglich für alle ist, die zu sehen und zu hören verstehen? Vielmehr liegt die Aufgabe der Kunst im Verstehen der Natur. Die Kunst soll den Sinn der Natur denjenigen erschließen, die nicht imstande sind, sie zu verstehen. Es geht darum, die Seele eines Baumes wiederzugeben, nicht das Aussehen eines Baumes, vollbeladen mit Früchten. Es geht darum, das Bewußtsein des Meeres zu enthüllen, und nicht so und soviele schaumgekrönte Wellen oder eine Menge blauen Wassers darzustellen. Es ist die Sendung der Kunst, das Unbekannte aus dem allzu Bekannten hervorzuheben.
Habe Mitleid mit einem Auge, das im Sonnenlicht nicht mehr wahrzunehmen vermag als einen Wärmequell und eine Fackel, die den Weg zwischen der Wohnstätte und dem Büro erhellt. Solch ein Auge ist blind, auch wenn es imstande ist, eine Fliege auf einen Kilometer Entfernung zu sehen. Hab Mitleid mit dem Ohr, das im Gesang einer Nachtigall nicht mehr hört als eine bestimmte Anzahl von Noten. Solch ein Ohr ist taub, auch wenn es imstande ist, das Kriechen der Ameisen in ihren unterirdischen Labyrinthen zu vernehmen.

Glück im Unglück - Unglück im Glück. - Eine alte chinesische Parabel aus dem Klassiker des Daoismus „Huainanzi“ („Meister von Huainan“, 18. Kapitel),
verfasst von Liu-An, dem Prinzen von Huainan (180-122 v. Chr.): Der Alte Mann und das Pferd.

Die folgende Geschichte trug sich zur Zeit Laotses in China zu. Laotse liebte sie sehr.
Ein alter Mann lebte in einem Dorf, sehr arm, aber selbst Könige waren neidisch auf ihn, denn er besaß ein wunderschönes weißes Pferd. Könige boten sagenhafte Summen für das Pferd, aber der Mann schlug immer aus: „Dieses Pferd ist für mich kein Pferd, sondern ein Mensch, und wie könnte man einen Menschen, einen Freund verkaufen?“ Der Mann war arm, aber sein Pferd verkaufte er nie. Eines Morgens fand er sein Pferd nicht im Stall. Das ganze Dorf versammelte sich, und die Leute sagten: „Du dummer alter Mann! Wir haben immer gewusst, dass das Pferd eines Tages gestohlen würde. Es wäre besser gewesen, es zu verkaufen. Welch ein Unglück!“ Der Mann widersprach: „Geht nicht so weit, das zu sagen. Sagt einfach: Das Pferd ist nicht im Stall. Soviel ist Tatsache, alles andere ist Urteil. Ob es ein Unglück ist oder ein Segen, weiß man nicht, denn alles ist nur ein Bruchstück. Wer weiß, was folgen wird?“ Die Leute lachten den Alten aus. Sie hatten schon immer gewusst, dass er ein bisschen verrückt war.
Als nach fünfzehn Tagen aber das Pferd eines Abends zurückkehrte, war das Erstaunen groß: Es war nicht gestohlen worden, sondern nur in die Wildnis ausgebrochen. Und nicht nur das, es brachte ein Dutzend wilder Pferde mit. Wieder versammelten sich die Leute und sagten: „Alter Mann, du hattest recht. Es war kein Unglück, es hat sich tatsächlich als Segen erwiesen.“ Der Alte entgegnete: „Wieder geht ihr zu weit. Sagt einfach: Das Pferd ist zurück. Wer weiß, ob das ein Segen ist oder nicht? Es ist nur ein Bruchstück. Ihr lest nur ein einziges Wort in einem Satz, wie könnt ihr über das ganze Buch urteilen?“ Dieses Mal wussten die Leute nicht viel einzuwenden, aber innerlich glaubten sie dennoch, der Alte sei im Unrecht. Zwölf herrliche Wildpferde waren gekommen und sein einziger Sohn begann, sie zu trainieren. Eine Woche später fiel er vom Pferd und brach sich die Beine. Wieder versammelten sich die Leute und wieder urteilten sie: „Du hattest unrecht! Es war ein Unglück. Dein einziger Sohn kann nun seine Beine nicht gebrauchen, und er war die einzige Stütze deines Alters. Jetzt bist Du ärmer als je zuvor.“ Der Alte antwortete: Ihr seid besessen vom Urteilen. Geht nicht so weit. Sagt nur, dass mein Sohn sich die Beine gebrochen hat. Niemand weiß, ob dies ein Unglück oder ein Segen ist. Das Leben kommt in Fragmenten, und mehr bekommt ihr nicht zu sehen.“
Es ergab sich, dass das Land nach ein paar Wochen einen Krieg begann. Alle jungen Männer des Ortes wurden zwangsweise zum Militär eingezogen. Nur der Sohn des alten Mannes blieb zurück, weil er verkrüppelt war. Der ganze Ort war von Klagen und Wehgeschrei erfüllt, weil dieser Krieg nicht zu gewinnen war und man wusste, dass die meisten der jungen Männer nicht nach Hause zurückkehren werden. Die Leute kamen zu dem Alten und sagten: „Du hattest recht, alter Mann, es hat sich als Segen erwiesen. Dein Sohn ist zwar verkrüppelt, aber immerhin ist er noch bei dir. Unsere Söhne sind für immer fort.“ Der alte Mann antwortete wieder: „Ihr hört nicht auf, zu urteilen. Niemand weiß! Sagt nur dies: dass man Eure Söhne in die Armee eingezogen hat und dass mein Sohn nicht eingezogen wurde. Doch nur Gott, nur das Ganze weiß, ob dies ein Segen oder ein Unglück ist.“

Hermann Hesse hat für dieser Parabel eine sehr schlichte Form gefunden:

Ein alter Mann mit Namen Chunglang, das heißt >Meister Felsen<, besaß ein kleines Gut in den Bergen. Eines Tages begab es sich, daß er eins von seinen Pferden verlor. Da kamen die Nachbarn, um ihm zu diesem Unglück ihr Beileid zu bezeigen. Der Alte aber fragte: „Woher wollt ihr wissen, daß es ein Unglück ist?“ Und siehe da: einige Tage darauf kam das Pferd wieder und brachte ein ganzes Rudel Wildpferde mit. Wiederum erschienen die Nachbarn und wollten ihm zu diesem Glücksfall ihre Glückwünsche bringen. Der Alte vom Berge aber versetzte: „Woher wollt ihr wissen, daß es ein Glücksfall ist?“
Seit nun so viele Pferde zur Verfügung standen, begann der Sohn des Alten eine Neigung zum Reiten zu fassen, und eines Tages brach er das Bein. Da kamen sie wieder, die Nachbarn, um ihr Beileid zum Ausdruck zu bringen. Und abermals sprach der Alte zu ihnen: „Woher wollt ihr wissen, daß dies ein Unglücksfall ist?“
Im Jahr darauf erschien die Kommission der >Langen Latten< in den Bergen, um kräftige Männer für den Stiefeldienst des Kaisers und als Sänftenträger zu holen. Den Sohn des Alten, der noch immer seinen Beinschaden hatte, nahmen sie nicht. Chunglang mußte lächeln.

Romano Guardini (1885-1968), deutscher katholischer Religionsphilosoph und Priester, in seiner Sammlung „Von heiligen Zeichen“: Die Asche.

Am Waldrand steht ein Rittersporn. So eigenwillig gerundet seine dunkelgrünen Blätter. Fein biegsam und fest geformt die schlanken Stängel. Die Blüte wie aus schwerer Seide geschnitten, und eine Bläue hat sie, so edelsteinleuchtend, dass sie die ganze Luft ringsumher erfüllt. Und nun käme einer, und bräche die Blume, und dann würde er ihrer überdrüssig und würfe sie ins Feuer ... wenige Augenblicke, und die ganze leuchtende Pracht wäre ein schmales Streifchen grauer Asche.
Was aber das Feuer hier in kurzen Augenblicken getan, das tut die Zeit immerfort an allem, was lebendig ist: am zierlichen Farn, an der hohen Königskerze, an der gewaltig stehenden Eiche. Sie tut's am leichten Schmetterling wie an der raschen Schwalbe. Am kleinflinken Eichkätzchen und am schweren Stier. Immer ist's das gleiche, ob es nun rascher geht oder langsamer; mag's eine Wunde sein oder eine Krankheit, Feuer oder Hunger oder was sonst: Einmal wird aus all dem blühenden Leben Asche.
Aus der starken Gestalt ein schütteres Häufchen Staub, das jeder Wind zerweht. Aus den leuchtenden Farben grauliches Mehl. Aus dem warm schwellenden, fühlenden Leben kärgliche, tote Erde; weniger als Erde: Asche.
So geht es auch uns. Wie fröstelt uns, wenn wir in ein geöffnetes Grab schauen und sehen neben einigen Gebeinen eine Handvoll grauer Asche.
„Denke daran, Mensch:
Staub bist du,
Und zu Staub kehrst du zurück!“
Vergänglichkeit, das bedeutet die Asche. Unsere Vergänglichkeit; nicht die der anderen. Unsere; meine! Mein Vergehen spricht sie mir, wenn der Priester am Beginn der Fastenzeit mit der Asche der einst frisch grünenden Zweige vom vergangenen Palmsonntag mir das Kreuz auf die Stirn schreibt:
Memento homo,
Quia pulvis es
Et in pulverum reverteris!”
Alles wird Asche. Mein Haus, mein Gewand und Gerät und Geld; Acker, Wiese und Wald. Der Hund, der mich begleitet, und das Tier im Stall. Die Hand, mit der ich schreibe, und das lesende Auge und mein ganzer Leib. Die Menschen, die ich geliebt; und die Menschen, die ich gehasst; und die Menschen, die ich gefürchtet habe. Was mir auf Erden groß erschienen und was klein, und was verächtlich, alles Asche, alles ...
(Gelesen am Urnengrab der Mama.)

AutorIn unbekannt: Zwei Wölfe.

Ein alter Indianer saß mit seinem Enkelsohn am Lagerfeuer. Es war schon dunkel geworden und das Feuer knackte, während die Flammen in den Himmel züngelten. Der Alte sagte nach einer Weile des Schweigens: „Weißt du, wie ich mich manchmal fühle? Es ist, als ob da zwei Wölfe in meinem Herzen miteinander kämpfen. Der eine ist rachsüchtig, aggressiv und grausam. Der andere hingegen liebevoll, sanft und mitfühlend.“ - „Welcher der beiden wird den Kampf um dein Herz gewinnen?“, fragte der Junge. - „Der Wolf, den ich füttere“, antwortete der Alte.

Aurelia Spendel: Zeitfenster, 15.02.16.

Wenn ein Mensch geradezu ‚kinderleicht‘ eine Sprache oder das Lesen lernen soll, steht in seiner Entwicklung dafür nur ein schmales Zeitfenster zur Verfügung. Genauso wie bei dramatischen Ereignissen, zum Beispiel einem Schlaganfall, nur ein kleines Zeitkontingent für die unkomplizierte Genesung des Betroffenen zur Verfügung steht. Wird es nicht genutzt oder kann es nicht gefüllt werden, sind Lesen lernen oder Genesen viel schwieriger, wenn nicht sogar unmöglich.
Doch nicht nur für die außergewöhnlichen oder einmaligen Dinge des Lebens gibt es Zeitfenster, die ideale Bedingungen bieten. Jeder Tag hat ein spezifisches, ein ganz persönliches Zeitfenster für jeden und jede von uns. Heute gilt es zu tun, was nur heute getan werden kann. Vielleicht ist es eine schon länger ausstehende Bitte um Vergebung, vielleicht ein klares Wort, das endlich gesagt werden will. Vielleicht kann nur heute diese oder jene Entscheidung gefällt werden, die aus Fremden Freunde werden lässt, statt sie zu Feinden zu machen. Vielleicht kann ein Mensch nur heute über seinen Schatten springen, der ihn oder andere schon so lange verfolgt. Die persönlichen Zeitfenster unserer kleinen Welten sind genauso einmalig und unwiderruflich wie die in der großen Politik, sind ebenso chancenreich und anspruchsvoll, wie sie zugleich schlicht und einfach sind.
Wenn es mir schwerfällt, das Zeitfenster für diesen Tag zu erkennen und zu nutzen, lasse ich mich von Papst Johannes XXIII motivieren, der seine 10 Gebote der Gelassenheit einleitet mit immer dem gleichen Satzanfang: „Nur für heute …“. Nur für heute sage ich mir also: „Öffne das Fenster. Schau über dies und jenes hinweg in die Weite und sieh genau hin. Nutze den Zeitrahmen, der sich dir öffnet und lass das gute Leben ein. Es wird gehen. - Auch heute.“

AutorIn unbekannt: Der Investmentbanker und der Fischer.


(Diese Kurzgeschichte wurde von einem unbekannten Autor in Anlehnung an Heinrich Bölls „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ aus dem Jahre 1963 verfasst:)

Ein Investmentbanker stand in einem kleinen mexikanischen Fischerdorf am Pier und beobachtete, wie ein kleines Fischerboot mit einem Fischer an Bord anlegte; er hatte einige große Thunfische geladen. Der Banker gratulierte dem Mexikaner zu seinem prächtigen Fang und fragte, wie lange er dazu gebraucht habe. Der Mexikaner antwortete: „Ein paar Stunden nur. Nicht lange.“ Daraufhin fragte der Banker, warum er denn nicht länger auf See geblieben sei, um noch mehr zu fangen. Der Mexikaner sagte, diese Fische reichten ihm, um seine Familie die nächsten Tage zu versorgen. Der Banker wiederum fragte: „Aber was tun Sie denn mit dem Rest des Tages?“ Darauf der Fischer: „Ich schlafe morgens aus, gehe ein bisschen fischen; spiele mit meinen Kindern, mache mit meiner Frau Maria nach dem Mittagessen eine Siesta, gehe ins Dorf spazieren, trinke dort ein Gläschen Wein und spiele Gitarre mit meinen Freunden. Sie sehen, ich habe ein ausgefülltes Leben.“ Der Banker erklärte:
„Ich bin ein Harvardabsolvent und könnte Ihnen ein bisschen helfen. Sie sollten mehr Zeit mit Fischen verbringen und von dem Erlös ein größeres Boot kaufen. Dann könnten Sie mehrere Boote kaufen, bis Sie eine ganze Flotte haben. Statt den Fang an einen Händler zu verkaufen, könnten Sie direkt an eine Fischfabrik verkaufen oder schließlich sogar eine eigene Fischverarbeitungsfabrik eröffnen. Sie könnten Produktion, Verarbeitung und Vertrieb selbst kontrollieren. Dann könnten Sie dieses kleine Fischerdorf verlassen und nach Mexiko City oder Los Angeles oder sogar nach New York City umziehen, von wo aus Sie dann Ihr florierendes Unternehmen leiten.“

Der Mexikaner fragte: „Und wie lange wird dies alles dauern?“ Der Banker antwortete: „So etwa 15 bis 20 Jahre.“ Der Mexikaner fragte: „Und was dann?“ Der Banker lachte und sagte: „Dann kommt das Beste. Wenn die Zeit reif ist, könnten Sie mit Ihrem Unternehmen an die Börse gehen, Ihre Unternehmensteile verkaufen und sehr reich werden. Sie könnten Millionen verdienen.“ Der Mexikaner sagte: „Millionen? - Und dann?“ Der Banker erwiderte: „Dann könnten Sie aufhören zu arbeiten. Sie könnten in ein kleines Fischerdorf an der Küste ziehen, morgens lange ausschlafen, ein bisschen fischen gehen, mit Ihren Kindern spielen, eine Siesta mit Ihrer Frau machen, in das Dorf spazieren, am Abend ein Gläschen Wein genießen und mit Ihren Freunden Gitarre spielen.“ Der Mexikaner lächelte und antwortete leise: „Aber das tue ich doch schon jetzt ...“


Anett Lorenz: Echte Liebe.

Jeder Mensch stellt sich die Frage: Was ist wirklich Liebe? Denn das Glück jedes Menschen hängt an der Liebe, die er kennt, die er sucht, die er erlebt und erfährt. - Suche die Liebe nicht dort, wo sie als Sex zur Schau gestellt wird, wo sie die Fingerabdrücke gewissenloser Geschäftsleute trägt. Sie haben die Liebe wie einen Diamanten in die Kloake geworfen. Echte Liebe hat mit Gabe und Hingabe zu tun. Sie hat ihre Freude daran, einander gegeben zu sein, ein Herz füreinander zu haben. Sie hat mit Zärtlichkeit zu tun, mit Freundlichkeit und Vergebungsbereitschaft. Sie hält Abstand zu Macht, Gewalt und Besitz, ja sie vermag Abstand zu nehmen von sich selbst. Vor zweitausend Jahren schrieb ein gewisser Paulus - vor allem durch die Christen gut bekannt - die Magna Charta der Liebe, die auch heute noch aktuell ist. Wenn Du wissen willst, wie viel Du von dieser Liebe besitzt, dann brauchst Du nur für das Wörtchen Liebe Deinen eigenen Namen einzusetzen. Da heißt es: „Die Liebe sucht überall das Gute. Die Liebe ist nicht neidisch. Die Liebe bildet sich nichts ein. Die Liebe sucht nicht sich selbst. Die Liebe lässt sich nicht verbittern und rechnet das Böse nicht an. Die Liebe hat keine Freude an den Fehlern anderer. Sie freut sich am Guten, das getan wird. Sie erträgt alles. Sie glaubt alles. Sie hofft alles. Sie duldet alles.“ Glaub mir, dies ist die einzige Liebe, die Bestand hat. Diese Liebe geht niemals in die Brüche. - Mit herzlichen Grüßen und Gottes Segen.

Russisches Gleichnis.

Ein Rabbi bat Gott einmal darum, den Himmel und die Hölle sehen zu dürfen. Gott erlaubte es ihm und gab ihm den Propheten Elia als Führer mit. Elia führte den Rabbi zuerst in einen großen Raum, in dessen Mitte auf einem Feuer ein Topf mit einem köstlichen Gericht stand. Rundum saßen Leute mit einem langen Löffel und schöpften alle aus dem Topf. Aber die Leute sahen blass, mager und elend aus. Denn die Stiele ihrer Löffel waren viel zu lang, als dass sie das herrliche Essen in den Mund bringen konnten. Als die Besucher wieder draußen waren, fragte der Rabbi den Propheten, welch ein seltsamer Ort das gewesen sei. Es war die Hölle. Daraufhin führte Elia den Rabbi in einen zweiten Raum, der genau aussah wie der erste. In der Mitte des Raumes brannte ein Feuer, auch dort kochte ein köstliches Essen. Leute saßen ringsum mit langen Löffeln in der Hand. Aber sie waren alle gut genährt, gesund und glücklich. Sie versuchten nicht, sich selbst zu füttern, sondern benutzten die langen Löffel, um sich gegenseitig zu essen zu geben. Dieser Raum war der Himmel!

Das Wiesel und der Löwe
oder: Warum die Weisheit über der Wahrheit steht.

Dem Löwen war ein Junges entlaufen, und er befürchtete, dass es einem anderen Raubtier zum Opfer gefallen ist. Da kam das Wiesel gelaufen und sagte dem Löwen: Dein Junges wurde gefunden; es ist wohlauf und wird noch heute von der Hyäne zurückgebracht. Über die frohe Nachricht geriet der Löwe außer sich und soff sich einen gewaltigen Rausch an. Als er so voll war, dass er nicht mehr auf den Beinen stehen konnte und unanständige Lieder zu singen begann, brachte die Hyäne das Löwenjunge, es war aber schon tot.
In seinem Rausch brauchte der Löwe einige Zeit, bis er das begriffen hatte. Na warte! drohte er jetzt dem Wiesel: wenn ich wieder auf den Beinen bin, sollst du die Lüge büßen.
Die Lüge hat Dich, entgegnete das Wiesel, in einen Zustand versetzt, in dem Du die Wahrheit ertragen konntest; was soll ich da büßen?
Als der Löwe wieder nüchtern war, sagte er zu dem Wiesel: Du warst nicht nur klug, du warst auch mutig. Hätte ich die Wahrheit erfahren, als ich noch einigermaßen nüchtern war, es wäre um Dich geschehen gewesen.

Der Sprung in der Schüssel - eine alte chinesische Weisheit.

Es war einmal eine alte chinesische Frau, die zwei große Schüsseln hatte, die von den Enden einer Stange hingen, die sie über ihren Schultern trug. Eine der Schüsseln hatte einen Sprung, während die andere makellos war und stets eine volle Portion Wasser fasste. Am Ende der langen Wanderung vom Fluss zum Haus der alten Frau war die andere Schüssel jedoch immer nur noch halb voll. Zwei Jahre lang geschah dies täglich: Die alte Frau brachte immer nur anderthalb Schüsseln Wasser mit nach Hause. Die makellose Schüssel war natürlich sehr stolz auf ihre Leistung, aber die arme Schüssel mit dem Sprung schämte sich wegen ihres Makels und war betrübt, weil sie nur die Hälfte dessen verrichten konnte, wofür sie gemacht worden war. Nach zwei Jahren, die ihr wie ein endloses Versagen vorkamen, sprach die Schüssel zu der alten Frau: „Ich schäme mich so wegen meines Sprungs, aus dem den ganzen langen Weg zu deinem Haus immer Wasser herausläuft.“
Die alte Frau lächelte. „Ist dir aufgefallen, dass auf deiner Seite des Weges Blumen blühen, aber auf der Seite der anderen Schüssel nicht? Ich habe auf deiner Seite des Pfades Blumensamen gesät, weil ich mir deines Fehlers bewusst war. Nun gießt du sie jeden Tag, wenn wir nach Hause laufen. Zwei Jahre lang konnte ich diese wunderschönen Blumen pflücken und den Tisch damit schmücken. Wenn du nicht genauso wärst, wie du bist, würde diese Schönheit nicht existieren und unser Haus beehren.“
Jeder von uns hat doch seine ganz eigenen Macken und Fehler, aber es sind die Macken und Sprünge, die unser Leben so interessant und lohnenswert machen. Man sollte jeden Menschen einfach so nehmen, wie er ist und das Gute in ihm sehen.
An alle also, mit einem Sprung in der Schüssel: Habt einen wundervollen Tag und vergesst nicht, euch an den Blumen auf eurer Seite des Pfades zu freuen!

Khalil Gibran (1883-1931), libanesisch-amerikanischer Maler, Dichter und Philosoph:

Von den Kindern.


Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,
Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken,
Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen,
Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.
Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit,
und Er spannt euch mit Seiner Macht, damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.
Lasst euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein;
Denn so wie Er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt er auch den Bogen, der fest ist.

AutorIn unbekannt: Das Besondere, das Du bist.

Eines Tages bat eine Lehrerin ihre Schüler, die Namen aller anderen Schüler der Klasse auf ein Blatt Papier zu schreiben und ein wenig Platz neben den Namen zu lassen. Dann sagte sie zu den Schülern, sie sollten überlegen, was das Netteste ist, das sie über jeden ihrer Klassenkameraden sagen können und das sollten sie neben die Namen schreiben. Es dauerte die ganze Stunde, bis jeder fertig war und bevor sie den Klassenraum verließen, gaben sie ihre Blätter der Lehrerin. Am Wochenende schrieb die Lehrerin jeden Schülernamen auf ein Blatt Papier und daneben die Liste der netten Bemerkungen, die ihre Mitschüler über den Einzelnen aufgeschrieben hatten. Am Montag gab sie jedem Schüler seine oder ihre Liste. Schon nach kurzer Zeit lächelten alle. „Wirklich?“, hörte man flüstern. „Ich wusste gar nicht, dass ich irgendjemandem was bedeute!“ und „Ich wusste nicht, dass mich andere so mögen“, waren die Kommentare. Niemand erwähnte danach die Listen wieder. Die Lehrerin wusste nicht, ob die Schüler sie untereinander oder mit ihren Eltern diskutiert hatten, aber das machte nichts. Die Übung hatte ihren Zweck erfüllt. Die Schüler waren glücklich mit sich und mit den anderen.
Einige Jahre später war einer der Schüler gestorben und die Lehrerin ging zum Begräbnis dieses Schülers. Die Kirche war überfüllt mit vielen Freunden. Einer nach dem anderen ging am Sarg vorbei und erwies ihm die letzte Ehre. Die Lehrerin ging zuletzt und betete vor dem Sarg. Als sie dort stand, sagte einer der Anwesenden, die den Sarg trugen, zu ihr: „Waren Sie Marks Mathelehrerin?“ Sie nickte: „Ja“. Dann sagte er: „Mark hat sehr oft von Ihnen gesprochen.“ Nach dem Begräbnis waren die meisten von Marks früheren Schulfreunden versammelt. Marks Eltern waren auch da und sie warteten offenbar sehnsüchtig darauf, mit der Lehrerin zu sprechen. „Wir wollen Ihnen etwas zeigen“, sagte der Vater und zog eine Geldbörse aus seiner Tasche. „Das wurde gefunden, als Mark verunglückt ist. Wir dachten, Sie würden es erkennen.“ Aus der Geldbörse zog er ein stark abgenutztes Blatt, das offensichtlich zusammengeklebt, viele Male gefaltet und auseinandergefaltet worden war. Ohne hinzusehen, wusste die Lehrerin sofort, dass dies eines der Blätter war, auf denen die netten Dinge standen, die seine Klassenkameraden über Mark geschrieben hatten. „Wir möchten Ihnen so sehr dafür danken“, sagte Marks Mutter. „Wie Sie sehen können, hat Mark das sehr geschätzt.“ Alle früheren Schüler versammelten sich um die Lehrerin. Charlie lächelte und sagte: „Ich habe meine Liste auch noch. Sie ist in der obersten Schublade in meinem Schreibtisch“. Die Frau von Heinz sagte: „Heinz bat mich, die Liste in unser Hochzeitsalbum zu kleben.“ „Ich habe meine auch noch“, sagte Monika. Sie ist in meinem Tagebuch.“ Dann griff Irene, eine andere Mitschülerin, in ihren Taschenkalender und zeigte ihre abgegriffene und ausgefranste Liste den anderen. „Ich trage sie immer bei mir. Ich glaube, wir alle haben die Listen aufbewahrt.“ Die Lehrerin war so gerührt, dass sie sich setzen und weinen musste. Sie weinte um Mark und für alle seine Freunde, die ihn nie mehr sehen würden.
Im Zusammenleben mit unseren Mitmenschen vergessen wir oft, dass jedes Leben endet und dass wir nicht wissen, wann dieser Tag sein wird. Deshalb sollte man den Menschen, die man liebt und um die man sich sorgt, sagen, dass sie etwas Besonderes und Wichtiges für uns sind. - Sagt es ihnen, bevor es zu spät ist. Tun wir es nicht, so haben wir eine Gelegenheit verpasst, die vielleicht nie wiederkehrt. Wie sehr freuen wir uns doch selbst, etwas Nettes und Schönes über uns zu hören. Jemandem etwas zu bedeuten macht uns stark und strahlend. Denkt daran, ihr erntet, was ihr sät. Was man in das Leben der anderen einbringt, kommt ins eigene zurück. - Dieser Tag soll ein gesegneter Tag sein und ebenso so schön, wie Du selbst!

AutorIn unbekannt: Legende von der Ewigkeit - Geschichte der Menschheit.

Hoch oben im Norden, im Lande Svithjord, steht ein Felsen. Er ist hundert Meilen hoch und hundert Meilen breit. Einmal alle tausend Jahre kommt ein Vögelchen geflogen und wetzt seinen Schnabel an diesem Felsen. Wenn der Felsen abgewetzt ist, dann ist ein einziger Tag der Ewigkeit vergangen.