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Archiv Stiftung Werkvermächtnisse
„Der bestirnte Himmel
über mir …“ ist der Mikrokosmos.
Ihr versucht, Ihn unter Euere Mikroskope zu legen: ... und ‚Gott‘ lächelt sanft über solche Einfalt! - Alles ist Geist.
[*]Miller, Henry Valentine (1891-1980), US-amerikanischer
Schriftsteller und Maler, in: Der Koloß von Maroussi: „…Ehe ich nach Epidauros
kam, wußte ich nicht, was Friede ist. Wie jeder Mensch hatte ich mein ganzes
Leben lang dieses Wort gebraucht, ohne je zu erkennen, daß ich eine Fälschung
beging. Friede ist ebensowenig das Gegenteil von Krieg, wie Tod das Gegenteil
von Leben ist. Ich spreche natürlich von dem Frieden, der höher ist denn alle
Vernunft. Es gibt keinen andern. Der Friede, den die meisten von uns kennen,
ist nichts als eine Einstellung der Feindseligkeiten, ein Waffenstillstand, eine
Windstille, eine Atempause; aber alles das ist negativ. Der Friede des Herzens
ist positiv und unbesiegbar, er stellt keine Bedingungen, er benötigt keinen
Schutz. Er ist. / Was der Mensch will, ist Frieden, um leben zu können. Kein
Mensch kann, ehe er den Frieden erlebt hat, behaupten, er wisse wirklich, was
Freude ist. Und ohne Freude gibt es kein Leben, selbst wenn man ein Dutzend
Automobile, sechs Butler, ein Schloß, eine Privatkapelle und einen
bombensicheren Unterstand besitzt. Wir kranken an unseren Bindungen, seien es
Gewohnheiten, Ideologien, Ideale, Prinzipien, Besitztümer, Manien, Götter,
Kulte, Religionen und so weiter. / Jeder Krieg ist eine Niederlage des
menschlichen Geistes. Der Krieg ist nichts als eine Manifestation in
dramatischem Stil der trügerischen lächerlichen Streitigkeiten, die sich
täglich und überall abspielen in den so genannten Friedenszeiten. Jeder Mensch
trägt sein Teilchen dazu bei, die Metzelei im Gange zu halten, selbst jene
Menschen, die abseits zu stehen scheinen. Wir alle sind hineinverwickelt, wir
alle nehmen daran teil, ob wir wollen oder nicht. Die Erde ist unsere
Schöpfung. / In Epidauros, in der Stille, in dem tiefen Frieden, der über mich
kam, hörte ich das Herz der Welt schlagen. Während ich in dem seltsam lautlosen
Amphitheater saß, dachte ich an die lange und gewundene Fahrt, auf der ich
schließlich zu diesem heilsamen Mittelpunkt des Friedens gelangte. Über dreißig
Jahre lang bin ich umhergeirrt wie in einem Labyrinth. Ich hatte jede Freude,
jede Verzweiflung gekostet, aber ich hatte nie gewußt, was Friede ist. Alle
meine Feinde, einen um den andern, habe ich unterwegs besiegt, aber den größten
Feind von allen hatte ich nicht einmal erkannt – mich selbst. Epidauros ist nur
ein Symbol, die wahre Stätte liegt im Herzen, im Herzen eines jeden Menschen,
er braucht nur halt zu machen und danach zu suchen. Während ich mich auf den
Stufen des Amphitheaters von der Sonne braten ließ, kam mir plötzlich in den
Sinn, meinen Freunden einen Gruß zu senden, vor allem meinen
Psychoanalytiker-Freunden. Ich schrieb drei Postkarten: eine nach Frankreich,
eine nach England und eine nach Amerika. Ich drängte diese Scharlatane, die
sich Heiler der Menschheit nennen, sehr liebenswürdig, ihre Arbeit aufzugeben
und zu einer Kur nach Epidauros zu kommen. / Wir müssen unsere ganze Lebensart
ändern. Wenn alle Psychoanalytiker, alle Ärzte, alle Politiker und
Wissenschaftler von ihrer Tätigkeit weggeholt werden könnten und sich für eine
Weile im Amphitheater in Epidauros versammelten, wenn sie in Ruhe und Frieden
die dringenden Bedürfnisse der Menschheit eingehend behandeln könnten, würde
die Antwort sehr rasch erfolgen, sie würde einstimmig lauten: REVOLUTION – eine
Weltrevolution von oben bis unten, in allen Ländern, allen Klassen, in jeder
Schicht des Bewußtseins. Jeder einzelne müßte sich gegen eine Lebensart
auflehnen die nicht die seine ist…“
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